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Pechmanns „Die zehnte Muse“ : Die Seitenwunde des Seins

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Mehr als Vintage: Alexander Pechmanns Roman „Die zehnte Muse“ wirkt wie aus der Zeit gefallen und das nicht nur, weil er 1905 spielt. Seine raffinierte Künstlernovelle lässt den literarischen Impressionismus auferstehen.

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          Dass die Zeit alle Wunden heilt, mag wohl sein. Und doch ist das ein Euphemismus, der verdeckt, dass die Zeit die Wunden überhaupt erst schlägt, dass sie die eine große Wunde der Existenz ist. Vielleicht darf man in ihr aber auch die blutende Seitenwunde des Seins sehen, aus der das Dasein überhaupt erst geflossen ist. Seit der Antike hat Chronos, der doppelgesichtige Urgewaltige, der den Zirkel aus Entstehen und Vergehen antreibt, Philosophen, Theologen und Mystiker fasziniert. Vor hundert Jahren noch war es ein Ereignis, als Henri Bergson am Collège de France zwischen fragmentierter Raum-Zeit und der Menschenzeit „Dauer“ unterschied.

          Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts aber überlassen die Denker das (von Martin Heidegger zuvor brandgerodete) Feld weitgehend den Astrophysikern und Neurowissenschaftlern. „Haben Sie je über das Wesen der Zeit nachgedacht?“ Ein Roman, der mit diesen Worten anhebt, wirkt heute wie aus der Zeit gefallen, und das ist diese raffiniert schöne Novelle namens „Die zehnte Muse“ in der Tat, nicht nur, weil sie 1905 spielt. Sie fällt zudem mit ihrem Thema ins Haus: „Wir Träumer können uns die Zeit auch als etwas Lebendiges vorstellen.“

          Kenntnisreich

          Alexander Pechmann, Übersetzer amerikanischer Literatur aus dem neunzehnten Jahrhundert und feinsinniger Poeta doctus, erbringt den keck alle Entwicklungsparadigmen auf den Kopf stellenden Beweis, dass es möglich ist, noch heute wie um 1900 zu erzählen, ohne dabei gestrig zu wirken. Das ist in Form und Stil durchaus ein Seiltanz, den der Autor jedoch mit Bravour absolviert: bewundernswert authentisch im Ausdruck, bis ins Detail gesättigt mit historisch-literarischen und philosophischen Kenntnissen und dabei aufregend, phantastisch und unheimlich wie eine Story von Robert Louis Stevenson, H.P. Lovecraft oder Algernon Blackwood.

          Letzterer ist zugleich einer der beiden Protagonisten dieser psychologischen Geistergeschichte. Er richtet im Jahr 1905 die obige Frage an einen Mitreisenden in der Schwarzwaldbahn, der dasselbe Ziel zu haben scheint: den Kurort Königsfeld, Zentrum der Herrnhuter Brüdergemeine. Bei dem Angesprochenen handelt es sich um den Maler Paul Severin, eine fiktive Gestalt zwar, aber nach dem Symbolisten Karl Hofer modelliert. Es stellt sich heraus, dass Blackwood nicht nur mit Severins symbolprallem Œuvre gut vertraut ist – insbesondere das Bild einer jungen „Ophelia“ mit totem Vogel in der Hand hat es ihm angetan –, sondern dass die Lebenswege der beiden Künstler ganz erstaunlich miteinander verwoben sind.

          Blackwood glaubt, das Mädchen auf dem fraglichen Bild wiedererkannt zu haben, was freilich Rätsel aufgibt, denn er will die offenbar nicht alternde, wild und einsam im Wald lebende junge Frau – Mädchen, Wassergeist oder Muse: nicht das einzige spätromantische Motiv hier – bereits zwanzig Jahre früher getroffen haben, und zwar just an dem Teich bei Königsfeld, an dem Severin, mehr Seelenmaler als Porträtist, sie gemalt hat.

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