https://www.faz.net/-gr3-6xnus

Alexander Kluge: Personen und Reden : Die Nachtapotheke der Aufklärung

Bild: Wagenbach Verlag

Gegen Überwältigung durch Kunst: Zum achtzigsten Geburtstag von Alexander Kluge sind Reden und Selbstauskünfte von ihm in einem Band versammelt worden.

          Er schreibt keine Gedichte, keine Dramen und keine Romane. Er schreibt nicht einmal Sachbücher, von wissenschaftlichen Texten ganz zu schweigen. Dennoch ist Alexander Kluge der kompletteste Autor als Produzent, den die deutsche Literaturgeschichte seit seinen Büchern "Lebensläufe" von 1961 und "Schlachtbeschreibung - der Untergang der 6. Armee" von 1964 kennt. Zur Gattungsbezeichnung genügt ihm ein Begriff, den wiederum die Poetik nicht führt: Er erzählt - ob in Büchern, Filmen, Hörspielen, Essays oder Fernsehsendungen und ganz gleich, ob sie nun ganz, teilweise oder nicht erfunden sind - Geschichten. Er konkurriert, anders formuliert, nicht mit Dichtern, sondern mit Historikern und Journalisten. Ihnen zeigt er in Form von Literatur, was möglich ist.

          An diesem Dienstag wird Alexander Kluge achtzig Jahre alt. Das Geschichtenerzählen hat ihm, dem Juristen, der während seines Referendariats Ende der fünfziger Jahre Theodor W. Adorno begegnete, woraufhin er Justitiar des Instituts für Sozialforschung wurde und dann durch den Regisseur Fritz Lang zum Film kam, seine Generationserfahrung nahegelegt. Es waren zunächst Kriegs- und Nachkriegsgeschichten, die Kluge aufschrieb. Das Verzeichnen der militärischen und biographischen Bewegungen vor Stalingrad, die Berichte vom Luftangriff auf Halberstadt, die unzähligen Episoden aus dem Zweiten Weltkrieg dienten dabei zunächst dem Versuch zu erinnern, wovon öffentlich fast niemand mehr etwas wissen wollte. Man unterschätze die eigenen Erfahrungen, heißt es an einer Stelle des vorliegenden Bandes mit Reden und Selbstauskünften Kluges, und halte dann leicht fremde Erfahrungen - solche aus dem Kino, den Massenmedien, den offiziellen Erzählungen - für die eigenen.

          Das Private ins Öffentliche eindringen lassen

          Zwei Quellen gesellschaftlicher Erfahrung, die auch Lebensläufe durch und durch bestimmen, hebt Kluge hervor: das Liebesleben und die gewerbliche Tätigkeit, die Produktion. Dem gegenüber stehe die Öffentlichkeit mit ihrem Interesse an Staatsaktionen, Großwetterlagen, Zahlenwolken. In diese Öffentlichkeit Berichte aus jenen anderen Erfahrungsquellen einzuführen und damit unter modernen Umständen die Funktionen des Märchens, der Ballade und der Moritat, der Kalendergeschichte und der Anekdote zu wahren gehört zur Absicht dieses Werkes. Die Aufklärung bedarf dabei der Poetik, weil sie auf "private" Beispiele angewiesen ist - man muss hier auch Kempowskis "Echolot" erwähnen - und weil die Qualität der Beispiele eben darin liegt, nicht nur Illustrationen einer These zu sein. Auf die besten Geschichten Kluges reagiert der Leser mit der Gewissheit ihres exemplarischen Charakters bei gleichzeitigem Rätseln, wofür sie exemplarisch sind.

          Kluge sucht insofern nicht die faktische Wahrheit über das von ihm Berichtete, und noch weniger geht es ihm um Kunstschönheit oder gar Stil. Das Urteil, der könne doch gar nicht schreiben, greift am Sinn seiner Geschichten vorbei. Seine Literatur zielt auf das Wiedererkennen des Unbekannten. Die Wirklichkeit, die dieses Unbekannte ist, möchte man fast sagen, kann ja auch nicht schreiben. Dass wir die beste Darstellung der Schlachterfahrung vor Stalingrad von einem haben, der gar nicht dort war, sagt alles über die Erfolgsmöglichkeiten dieses Vorgehens. "Was ist ein epischer Roman gegen die Entwicklung des Ruhrgebiets im Verlauf vieler Generationen, gegenüber dem Aufstieg und Untergang ganzer Industrien, gegenüber den Geschicken der Stadt Bitterfeld?"

          Weitere Themen

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Nackte Bilder

          Malerin Miriam Cahn : Nackte Bilder

          Die Malerei der Schweizerin Miriam Cahn stürzt uns vom Thron der Selbstgewissheit. Jetzt wird sie neu entdeckt. Eine Begegnung in ihrer grandiosen Münchner Ausstellung.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.