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Alexander García Düttmann: Naive Kunst : Sucht nach Versuchung

Bild: August Verlag

Was die Freiheit des Erzählens schafft: Alexander García Düttmanns Schreibkunst lässt das schönste Porträt San Franciscos entstehen, das man sich vorstellen kann.

          Dieses Buch ist kein Roman, es ist keine Erzählung, keine Novelle. Und doch ist es all das auch und vor allem große Literatur. „Naive Kunst“ verfolgt über einen Zeitraum von mehr als anderthalb Jahrzehnten die Entwicklung des Lebens der Philosophiedozentin Daphne - ein Geschehen, das in knappster Form erzählt wird und seinen Fokus in einem besonderen Ereignis hat: Daphnes zweijährigem Aufenthalt in San Francisco, während dessen sie sich überschwenglich in die Stadt verliebt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dieses Buch ist kein Reiseführer und keine Kulturgeschichte San Franciscos. Doch es leistet auch das, denn die topographische wie soziologische Genauigkeit, mit der Daphnes Zeit in Kalifornien rekonstruiert wird, taugt allemal zum Leitfaden für eine Insider-Tour und weit mehr noch für den Nachvollzug jener Faszination, die die Protagonistin für das San Francisco der mittleren neunziger Jahre verspürt. „Daphne versucht schon seit Jahren, das Lob der Stadt San Francisco zu singen, es ist ihr aber bisher nie gelungen, und sie hat ihr Unternehmen meist schnell wieder abgebrochen“, heißt es im Text. Nun hat „Naive Kunst“ das Protokoll dieser Liebe übernommen, und daraus ist das schönste Porträt einer Stadt entstanden, das man sich wünschen kann.

          Ein Lebensideal der Freiheit und Schönheit

          Dieses Buch ist kein Traktat, obwohl es den Untertitel „Ein Versuch über das Glück“ trägt, von einem Philosophen geschrieben und von einem weiteren Philosophen mit einem Nachwort ausgestattet wurde. Der Text gliedert sich in Dutzende kleiner Miniaturen, die aus der Sicht eines Ich-Erzählers, der aber nur sehr selten auftritt, über Daphnes Erlebnisse in San Francisco und ihre Reflexionen darüber in den zwölf Jahren danach berichten. Wir befinden uns als Leser in Daphnes Kopf, doch zugleich beobachten wir sie, und so bekommt das grundlegende phänomenologische Moment der Konstruktion eine Brechung, die in der Tat als ein „Versuch“ bezeichnet werden kann. Aber mit einem Essay im philosophischen Sinne hat das nur insoweit zu tun, wie etwa Adornos „Minima Moralia“ als Versuch bezeichnet werden könnten. Sie sind natürlich vor allem das, was auch „Naive Kunst“ ist: höchst kunstfertig. „Versuchung“ wäre der passende Begriff.

          Der Autor des Buchs ist ein Bewunderer Adornos. Alexander García Düttmann wurde 1961 in Barcelona geboren (wie Daphne), ist ein deutscher Philosoph (wie Daphne), Film- und Opernliebhaber (wie Daphne) und lehrt mittlerweile in London (wie Daphne). Doch er ist nicht Daphne. Niemand weiß, wer Daphne ist. Selbst ihr Geschlecht changiert. Meist eindeutig als Frau angesprochen und auch so beschrieben, gibt es Passagen, die einen Mann in ihr vermuten, ja diese Vermutung zwingend erscheinen lassen. Daphne ist die Stellvertreterin eines Lebensideals der Freiheit und des Schönen, das in der libertären Westküstenmetropole San Francisco die angemessene Kulisse findet.

          Eleganz, Einfallsreichtum und Präzision

          In Alexander García Düttmanns 2004 erschienener „Philosophie der Übertreibung“ findet sich ein Dilemma formuliert: „Um mir ein Bild von den verschiedenen Bildern zu machen, die ich mir während meines Lebens von mir und meinem Leben gemacht habe, müsste ich auf Aufzeichnungen und auf das Zeugnis anderer zurückgreifen können, auf die Beglaubigung durch einen Dritten.“ Das literarische Programm von „Naive Kunst“ löst es auf: Die Freiheit des Erzählens schafft, was dem Räsonnement nicht gelingt. In Daphne ist zweifellos vieles von dem aufgehoben, was ihr Autor sich an Bildern gemacht hat, Daphne selbst ist nun das Bild dieser Bilder und García Düttmann sein eigener Dritter.

          Dass auf diese Weise der Weg zu Proust nicht weit ist, einem anderen ständigen Gewährsmann des Ästhetikers García Düttmann, versteht sich von selbst. Die Variation der berühmten Laterna-magica-Szene des ersten Bandes von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in einer Erinnerung Daphnes an die Verwandlung ihres Kinderzimmers zu einem Kinosaal ist hinreißend. Wie der ganze Band ein reines Lesevergnügen ist, wenn man auf literarische Kategorien wie Eleganz, Einfallsreichtum und Präzision noch Wert legt.

          Ein letztes Wort aber muss der Ausstattung des Bändchens gelten. Die Klebebindung zerfällt bereits bei Hälfte der Lektüre; fortan hält man den bloßen Buchblock in der Hand. 9,80 Euro für eine Broschüre in schlechter Verarbeitung, wenn auch mit einer wunderschönen Erzählung darin, zu verlangen, das ist nicht naive, das ist eine dreiste Kunst.

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