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Albert Ostermaier: Seine Zeit zu sterben : Die erogenen Zonen der Skipiste

Bild: Suhrkamp

Letzte Abfahrt Kitzbühel: Albert Ostermaier hat einen theatralischen Liebesthriller geschrieben, der seine Figuren mit schmutzigen Phantasien und zielstrebigem Pathos in den Abgrund jagt.

          Da macht einer ein Sprachfest und bittet die Wörter zum Tanz. Er treibt sie an und lässt sie rotieren bis zum Sprachwalzerdelirium: „Tatar und Tartaren, Tattoos und Tabus, Titeltunten und Tittentorpedos, Panzerkreuzer und Kreuzersonaten, Lenin in Platin und Stalin in Stahl, Rasputin und Putinraster, Flüchtlinge und Flüchtige, Wodka und Wotan, Traurigkeit und Trüffel, Weißbrot und Wasser, Ikonen und Ich-Drohnen, Grills und Grillen.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer aber ist der Veranstalter dieses Fests, und wo wird gefeiert? Es ist Albert Ostermaier, der Lyriker und Theaterautor, und es liegt nahe, ihn sich dabei vorzustellen auf einer Bühne, beim Poetry-Slam, wo die Wörter atemlos hitzig ins Mikrofon gestoßen werden und, zum Krach verstärkt, aus Lautsprechern wieder hervorbersten. Doch der Text, dem diese Wörter entstammen, ist ein Roman oder soll einer sein. Die Party mit Wodka und Wotan steigt in Kitzbühel, im Luxusappartement eines Russen namens Vladimir (“eine Art Immobilienmakler für Oligarchen weltweit“), und das Setting der Erzählung ist das alljährlich am Wilden Kaiser stattfindende Skirennen auf der „Streif“, auch bekannt als eine der gefährlichsten Abfahrten der Welt mit stellenweise bis zu 85 Prozent Gefälle.

          Die Skipiste als Bühne

          Wer dieses Spektakel nicht kennt, sollte sich vielleicht zur Einstimmung einige der Youtube-Videos von irren Abfahrten auf dieser Piste ansehen, die manchmal sogar noch Showeinlagen beinhalten, allzu oft aber auch zu den übelsten Stürzen führen - alles unter den Augen einer johlenden Menge im Ausnahmezustand, den Ostermaier wie folgt beschreibt: „Glühweinstände, improvisierte Fanshops, Flaggenmeere, Schneekugeln, Hansi-Hinterseer-Spannbetttücher, Toni-Sailer-Masken mit Strohhalm, Streifreizwäsche mit Zielhang, Armenpelze, Reichenpelze, Würstel, Eitrige, Geplatzte, Bockwürste, Jagertee, Schnaps, Feuerkessel, Leuchtraketen, Tröten, unerträglicher Lärm“ - das taugt für den Schriftsteller demnach als nettes Soziotop aus Schickeria, Ballermann-Tourismus, ganz normalen Menschen und abgründigen Existenzen.

          Den Trubel eines solchen Tages nebst einigen im Text erwähnten realen Ereignissen wie etwa dem Sturz des Rennläufers Peter Fill im Januar dieses Jahres nutzt Ostermaier als Bühne. Auf ihr entwickelt er dann eine Art Kriminaldrama mit mehreren Figuren, deren Lebenswege sich hier schicksalhaft kreuzen. Im Mittelpunkt des Buches steht das Verschwinden eines Kindes.

          Viele Verdächtige

          Der Knabe heißt Igor, und neben den Gedanken dieses nicht eben glücklichen, auch gehänselten Jungen erfährt der Leser die intimsten Einsichten aller Personen, die in Beziehung zu ihm stehen: zuallererst die seiner Eltern Yvonne und Christoph. Die sind in Hassliebe verbunden und trauen einander das Schlimmste zu, wollen eigentlich aber den Urlaub in Kitzbühel zur Rettung ihrer Ehe nutzen.

          Daneben steht die undurchsichtige Figur des Russen Vladimir, der Igor entführen, womöglich töten lassen will und schon vorsorglich einen Anwalt einschaltet, der in ein Gewissensdilemma gerät. Im Suchtrupp nach dem vermissten Kind ist schließlich die Kommissarin Bonnie Klaid - Ostermaier scheint Namenskalauer zu lieben. Gleichzeitig tummeln sich auf der Piste auch noch ein gealterter Ski-Star unter Pädophilieverdacht sowie ein seltsamer Mann namens Ödön Lunge, dessen Kindertage wohl ebenso dunkel waren, wie es über lange Zeit seine Verbindung zum restlichen Buchgeschehen bleibt.

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