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Roman „Sonder“ : Beim Vorübergehen der Themen

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Auf der Suche nach dem perfekten Produkt: Der Poproman „Sonder“ Bild: Reuters

Wenn einer, der weiß, was andere wollen, aber nicht, was er selbst will, in Luxuswelten entführt wird und das perfekte Produkt entwerfen soll: Alard von Kittlitz beginnt sein Debüt „Sonder“ als Poproman und endet als Sammelsurium.

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          „Zu Beginn dieser Geschichte“, so beginnt diese Geschichte, „sehen wir Peter Siebert noch in den Kellern des Hauptquartiers von PepsiCo Neuseeland.“ Die Umgebung ist denkbar abweisend: kaltes Neonlicht, weiße Kacheln, poliertes Metall. „Er befindet sich in einem Labor er ist: allein.“ Dreihundert Seiten später wird Peter Siebert in ein dunkles Auto bugsiert. Er wurde gerade einer Gehirnwäsche unterzogen und glotzt blöde selig vor sich hin. Man könnte fast meinen, erlöst. Zwei Security-Fieslinge namens Frank und Frank sollen ihn zwischen Sils Maria und Sankt Moritz im Neuschnee aussetzen. Ein schneeweiß offenes Ende für den Helden dieser Geschichte, denn „das ist nun das allerletzte Mal, dass wir Peter Siebert sehen, bevor sich seine Spur verliert“.

          „Sonder“ ist der Titel dieses Debüts des Zeitungsjournalisten Alard von Kittlitz, der von einigen Kritikern als Repräsentant der nächsten Generation von Popliteraten gefeiert wurde. Pop ist insofern richtig, als Marken, Firmen, Produkte die Wegweiser der Handlung sind. Und Pop ist auch richtig, wenn man die Bedeutung des Titels zur erkenntnistheoretischen Grundlage des Romans macht. Dort heißt es, im Englischen bezeichne man mit sonder die plötzliche Erkenntnis, „dass all die anderen Menschen um einen herum ebenfalls komplett existieren, dass die also Gefühle, Erinnerungen, Gedanken, halt ein ganzes Leben haben, ein Zuhause, einen Geruch, ein Verhältnis zu ihrem Selbst, Überzeugungen. Wünsche. Und dass man in deren Dasein gerade auch bloß ein Statist ist.“

          Produkte als Fetischobjekte

          Peter Siebert, die Hauptfigur von „Sonder“, hat sich dieses Wahrnehmungsprinzip zur zweiten Natur gemacht. Er ist nicht nur Statist im Leben anderer, sondern auch in seinem eigenen. Man könnte unter diesen Umständen von einer schwachen Persönlichkeit sprechen: „Denn er sieht sich selbst dauernd durch die Augen der anderen Menschen, als eine Figur in deren Bewusstsein, und er vermeidet, ihr kritisches Urteil über ihn erkennen zu können. Immer will Peter erraten, was die anderen gerade in ihm sehen, was sie von ihm wollen, und er wünscht sich dabei inständig, ihnen zu gefallen oder, besser, nie jemanden zu reizen, zu irritieren, und empfindet sich selbst dabei noch stets als ein Ärgernis, als Laffe, Dünnbrettbohrer, Langweiler. Darunter leidet er natürlich.“

          Doch Peter macht aus seiner Not eine Tugend. Mit seiner Gabe, zu erraten, was andere begehren, hat er es zu einer respektablen Karriere als Produktdesigner gebracht. „Seine Produkte sind in bestimmten Branchen so was wie Fetischobjekte geworden.“ Spülmittel, Gummischlümpfe. Solche Sachen. Zuletzt war Siebert für Pepsi in Neuseeland tätig. Dort wird er quasi vom Parkplatz aus wegrekrutiert von einer bondgirlhaft durchtrainierten Anwältin mit einem wohlklingenden französischen Namen: Clementine Bouvet arbeitet für ein aufstrebendes Tech-Unternehmen und will Siebert für eine Mission gewinnen, die ihm wie uns zunächst verborgen bleibt.

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