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Alan Hollinghurst: Des Fremden Kind : Ein Jahrhundert und drei Tage

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Bild: Verlag

Alan Hollinghurst entziffert in seinem Roman „Des Fremden Kind“ den Aufstieg eines Gedichts und den Niedergang Englands.

          4 Min.

          Drei Mal waren Gegenwart und Erleben die Leitworte von Alan Hollinghursts Romanen. In „Die Schwimmbadbibliothek“ (1988) cruiste William Beckwith in erotischem Dauerrausch durch den Londoner Sommer 1983, den letzten vor Aids. In „Die Verzauberten“ (1998) waren die Helden älter und die Schatten länger geworden, es brauchte Ecstasy oder die künstliche Ruhe teurer Landhäuser, um ein fragil gewordenes Gegenwartsglück zu feiern. Im Roman „Die Schönheitslinie“, der Hollinghurst 2004 den Man-Booker-Preis eingetragen hat, wurden Aufstieg und Verfall der Thatcher-Jahre so sehr ästhetisch gefeiert und satirisch decouvriert, dass sich über den Glanz der Gegenwart fast schon das Sepia des historischen Romans legte.

          Nach sieben langen Jahren ist Hollinghurst nun mit „Des Fremden Kind“ zurückgekehrt, einem Roman, in dem die Akzente sich ganz und gar verschoben haben. Das Historische, das in der „Schwimmbadbibliothek“ und im ephebophilen Solitär „The Folding Star“ (1994) in Gestalt einmontierter Dokumente immer schon präsent war, ist in den Vordergrund getreten. Statt der Gegenwart und dem Erleben dominieren nun die Vergangenheit und das Erinnern. Der Niedergang, mit dem Hollinghurst stets geflirtet hat, wird zur Grundmelodie eines Jahrhundertpanoramas. Statt einen Sommer oder ein kurzes Jahrzehnt, wie die früheren Bücher, umspannt der neue Roman fast ein ganzes Säkulum - er spielt zwischen 1913 und 2008 -, aber genau besehen durchlebt dieses Buch seine Zeit vorwiegend in der Erinnerung an wenige legendenumwobene Tage im Sommer 1913.

          Damals hat der junge, hinreißend schöne aristokratische Dichter Cecil Valance seinen Cambridger Kommilitonen George Sawles auf Three Acres, dem unweit von London gelegenen vergleichsweise bescheidenen Anwesen der Sawles, besucht. Er bezirzte die Mutter, verführte den Sohn, versuchte es mit der Schwester und hielt bei der Abreise in deren Poesiealbum einen Moment der Liebe in einem „Three Acres“ benannten, fünfseitigen Gedicht fest. Nach dem Tod Cecils im Ersten Weltkrieg zitiert Churchill in der „Times“ einige Zeilen aus dem Gedicht und macht es dadurch erst zu einer Hymne des englischen Patriotismus und dann zu einem Schulbuchklassiker.

          Das geheimnisvolle Gedicht

          Hollinghurst braucht 130 Seiten, um mit einem an „Brideshead Revisited“ gemahnenden Zauber dieses Sommerstück zu erzählen. Die restlichen 550 Seiten dienen der Erinnerung an diese Tage und der Entzifferung des Gedichts. An wen ist es gerichtet? An Daphne? An George? An alle Sawles? Welches England beschwört es? Und was ist mit diesem England geschehen?

          Das fragen sich im zweiten Teil an zwei festlichen Tagen im April 1926 die Freunde und die Familie Cecils bei einem Treffen auf Corley Court, dem enormen viktorianischen Kasten der Valances (nicht drei, sondern 3000 Morgen!). Cecil ruht in der Familienkapelle, unter seiner eigenen hochgezüchteten Grabplastik. Daphne Sawles ist als Gattin von Cecils Bruder inzwischen Lady Valance, Three Acres ist verkauft und dem Niedergang geweiht, ein konservativer Politiker, der auch in Cecil verliebt war, sammelt Material für eine kleine Biographie von Cecil und interviewt alle Gäste der Reihe nach.

          Dieselben Fragen stellen sich im dritten Teil rund um Daphnes siebzigsten Geburtstag 1967 wiederum Familie, Freunde sowie zwei Neuzugänge: Peter, Lehrer und Cecil-Leser auf dem zum Internat abgesunkenen Corley Court, und Paul, junger Bankbeamter, Cecil-Fan und Geliebter Peters. Im vierten Teil befragt im Jahr 1980 Paul, inzwischen Biograph Cecils, auf länglicher Recherchentour sich, die überlebenden Familienmitglieder und die verfallenden Häuser. Und im Schlussteil wispern die Fragen im Jahr 2008 nochmals durch eine Gedenkveranstaltung zu Peters Tod und erhalten neues Leben durch ein auf den letzten Seiten überraschend auftauchendes Briefkonvolut, das uns noch einen Mann zeigt, dem Cecil seinerzeit auf Three Acres den Kopf verdreht hat.

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