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Alain de Botton : Fragmente einer Sprache der Paartherapie

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Rollenspieler: Alain de Botton. Bild: INTERFOTO

In seinem Roman „Der Lauf der Liebe“ singt Alain de Botton ein psychorationales Hoch auf die Otto-Normal-Ehe. Man will sofort Ehebruch begehen.

          3 Min.

          Wie hinreißend haben sie gelitten, Charlotte und Eduard. Kaum war die Liebesheirat in der Welt, schickte der in Herzensdingen ausgebuffte Maestro aus Weimar zwei Erdenkinder durch alle amourösen Höllen. Immer wieder haben sich Literaten seither an den wilden Energien der Ehe abgearbeitet, zuletzt Lauren Groff und Michael Kumpfmüller. Dass solche Romane stärker identifikatorisch gelesen werden als, sagen wir, eine Hooligan-Confessio, liegt in der Natur der Sache. Doch was da nun all den literarischen Ehepaaren an die Seite tritt, ginge locker als Prototyp aller Wahlverwandtschaftungen durch. Wer sich in Rabih und Kirsten, wohnhaft in Edinburgh und vorbildlich alle handelsüblichen Beziehungsstadien durchlaufend, nicht wiedererkennt, der hatte überhaupt noch nie eine amtliche Beziehung.

          So viel Aha-Erlebnis ist aber nur um einen hohen Preis zu haben: die Langweiligkeit einer detailliert protokollierten Normalität. Abgeschmeckt wird sie auch noch mit naseweiser Therapeutenpoesie: „Wir tun unseren schlechtgelaunten Partnern den größten Gefallen, wenn wir ihre Stimmungen wie die eines Kleinkinds ansehen.“ Das Problem ist ein systemisches, denn es handelt sich um einen Etikettenschwindel erster Güte. Was der aus der Schweiz stammende, in London lebende und auf Englisch publizierende Alain de Botton, der sich auf die lebensnahe Zurichtung von Philosophie, Psychologie und Soziologie spezialisiert hat, frech als Roman kennzeichnet, ist schlicht eine Mischung aus Eheratgeber und psychologischem Lehrbuch.

          Ehe als Anpassung der Erwartungen

          Unter diesen Bedingungen ist es verständlich, die Fallgeschichte, die in kursiv gesetzten Abschnitten psychologisch durchanalysiert und auf Lebenshilfe-to-go reduziert wird, von allen literarisch interessanten Unwahrscheinlichkeiten ebenso freizuhalten wie von jedem stilistischen Raffinement. Auch Theorie war nicht gefragt. Weder mit Roland Barthes’ die Empfindsamkeit rehabilitierenden „Fragmenten einer Sprache der Liebe“ setzt sich der Autor ins Verhältnis noch mit Niklas Luhmanns systemtheoretischer Annahme, dass Liebe gar keine Gefühlsangelegenheit, sondern Kommunikationsmedium sei und erst im Diskurs entstehe.

          Für den Wellnessguru de Botton, der vor einigen Jahren die „School of Life“ gegründet hat, ist die Liebe durchaus eine emotional motivierte anthropologische Konstante. Doch er warnt vor einem übersteigerten romantischen Verständnis: Die Ehe, so die nicht eben neue Grundthese, steht der schwärmerischen Liebe als Institution entgegen. Sie erfordert die Anpassung der Erwartungen. Wenn sie nicht bei der kleinsten Krise wieder aufgelöst wird – de Botton plädiert entschieden für das Aushalten und Aushandeln, wobei man sich „die größte Erfindung unseres Zeitalters“, die Paartherapie, zunutze machen dürfe (gerne sicherlich bei der School of Life) –, dann scheint die Trauscheinverpartnerung für de Botton der sicherste Weg zur reifen, wahren Liebe zu sein.

          All das wird gewissermaßen vorgetanzt von Rabih, einem britisch-deutsch-libanesischen Architekten mit traumatischer Bürgerkriegserfahrung, und seiner Angetrauten. Es beginnt – wie fast immer – mit erotischer Spannung: „Leidenschaft“, „Sex und Liebe“ und „Heiratsantrag“ lauten die entsprechenden Kapitel. Sexuelle Bedürfnisse allein reichen für eine echte Beziehung freilich nicht aus: „Zentral für Kirstens Liebe ist das Bedürfnis, die Wunde von Rabihs lang verdrängtem, selten erwähnten Verlust zu heilen.“ Schnell, allzu schnell folgen die üblichen Verschleißerscheinungen. Kleine Meinungsverschiedenheiten wachsen sich aus; die körperliche Attraktivität lässt nach; Ängste, die in der Vergangenheit ihren Grund haben (Kirstens Vater brannte früh durch, seither fürchtet sie sich vor dem Verlassenwerden), werden mit der neuen Bezugsperson verbunden: Fachterminus „Übertragung“. Auch mit der lendentief verankerten Enttäuschung bei der abrupt einseitigen Beendigung eines erotischen Rollenspiels kennt sich unser Doktor Sommer aus.

          Typische Paradoxien einer Beziehung

          Selten darf dabei ein Kapitel ohne klugen Spruch enden: „Wir müssen nicht immer vernünftig sein, damit unsere Beziehungen gut sind; wir müssen nur gelegentlich die Fähigkeit haben, bereitwillig zuzugeben, dass wir in diesem oder jenem Bereich verrückt sind.“ Und alldieweil reift die Liebe, auch über den unvermeidlichen, aber zu überwindenden Seitensprung hinweg (gar nichts kann de Botton mit polyamoren Ansätzen anfangen), bis mit den Kindern endlich die Einsicht keimt, dass die Liebe weniger mit der Sehnsucht zu tun hat, geliebt zu werden, als mit der Erfüllung, jemand anderen vorbehaltlos zu lieben.

          So treffend der Autor die typischen Paradoxien einer Beziehung auf den Punkt bringt, so richtig all die Sätze über die Elternschaft sind, bleibt das Buch doch ein Plattitüdenallerlei aus der Psychologenküche, und das in einem Marktsegment, das nun wirklich nicht unterversorgt ist. Eines jedenfalls ist das alles nicht: Literatur. Umso unverschämter wirkt eine Schuldzuweisung auf den letzten Seiten, denn die übersteigerten Erwartungen, heißt es da, hingen ursächlich mit den ästhetischen Modellen zusammen. „Der Fehler liegt bei der Kunst, nicht im Leben“, weiß der Liebeskunstsachverständige und fordert von der Literatur Geschichten, „die unsere Sorgen als ganz normal darstellen und uns einen leidvollen und doch optimistischen Weg durch die Phasen der Liebe weisen“. Statt der „Wahlverwandtschaften“ also mehr Romane des vorliegenden Typs. Spätestens jetzt möchten wir promisken Kulturschlampen diesem ewig grinsenden Eierkopf sacht ins Ohr flüstern: „Schatz, wir wollen die Scheidung.“

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