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Alain Claude Sulzer: Aus den Fugen : Die herrliche Seichtigkeit des Scheins

Bild: Verlag

Ein Pianist als Aussteiger: Alain Claude Sulzers Gesellschaftsroman „Aus den Fugen“ ist perfekt komponierte Boulevardlitereatur.

          Das attraktive Mädchen schläft mit dem Stiefvater, den die Mutter der Schwester ausgespannt hatte: An diesem Abend gehen Nichte und Patentante ins ausverkaufte Konzert. Keine Lust auf Musik hat der Geschäftsmann, der über Karten verfügt und ein Escort-Girl bestellt, das sich nach vollzogenem Akt im Hotelzimmer als Tochter seines besten Freunds entpuppt, die schon in kindlichem Alter auf seinen Knien herumritt. Allein geht der frühere Geliebte des angesagten Pianisten hin, er kümmert sich noch immer um dessen lokale Angelegenheiten: Weil er seinen neuen Lebenspartner Nico nicht in der Konzertagentur unterbringen will, hat es Streit gegeben. Eine Ehefrau, die zu früh von der Veranstaltung nach Hause kommt, entdeckt, dass ihr Mann sie mit einer Nutte betrügt.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Seit der Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer vor vier Jahren in Paris für „Ein perfekter Kellner“ den begehrten „Prix Médicis étranger“ bekam, schreibt er unverkrampft, jedenfalls sehr viel unbeschwerter. Auch über existentielle Themen wie Homosexualität und familiäre Herkunft, deren Bedeutungsschwere aus den früheren Romanen einer herrlichen und durchaus frivolen Leichtigkeit gewichen ist. Das Konzert, um das Sulzer den Reigen seiner Beziehungskisten inszeniert, findet in der Berliner Philharmonie statt. Auf dem Programm steht Marek Olsberg, ein international erfolgreicher Pianist.

          Ein Konzert, das nicht zu Ende geht

          Der rote Faden, der die Figuren verbindet, ist die Veranstaltung, zu der sie kommen - oder eben auch nicht. Das alles ist ziemlich dick aufgetragen. Aber man stört sich nicht daran, ganz im Gegenteil. Und Sulzer vermeidet es, die Leser mit tiefschürfenden Ausführungen über die Musik zu belästigen. Er unterhält sie mit kurzen Menschenbeschreibungen und Szenenbildern, die sich zum Porträt der besseren Gesellschaft summieren. Es ist perfekt komponiert und keineswegs mit Abscheu gezeichnet: Boulevardliteratur, die sich liest wie die „Bunte“. Nach jeder Skizze möchte man ihre Fortsetzung lesen und wird in eine andere Geschichte verwickelt.

          Die Abgründe und Brüche in dieser schönen Welt des Scheins werden nur umso deutlicher. Der Einzige, der ihr den Rücken kehrt, ist ihr angehimmelter Star: Der Pianist wird zum Aussteiger, ohne dass dieses Motiv in irgendeiner Weise ausgearbeitet würde. Das Konzert, um das sich alles dreht, geht nicht zu Ende. Olsberg spielt die Hammerklavier-Sonate. Doch unvermittelt hört er auf, schließt das Klavier und verlässt den Saal: Das war’s.

          Abwechslung von Martin Suter

          Der Empfang in der Villa eines Mäzens wird abgesagt. Der Leihkellner, eigentlich ein genialer Mathematiker, verliebt sich in eine Asiatin, die für den Catering-Service arbeitet. Die Delikatessen werden weggeräumt. Der Kellner will auch die Schmuckstücke und Geldscheine, die er in den Schubladen findet, mitgehen lassen. Die heimkehrende Hausherrin, die ihn dabei ertappt, schenkt sie ihm. Derweil trifft der nach einem Bier sehnsüchtige Olsberg in einer Kneipe natürlich auf Nico und spielt für ihn. Wie diese und auch die vielen anderen Geschichten ausgehen, was aus den Figuren wird, von denen keine stirbt, muss man sich selbst ausmalen. Im Roman kommt am Schluss der Klavierstimmer.

          “Aus den Fugen“ steht auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises, der den Handel beleben, das Publikum unterhalten und dem Verfasser mit einem Preisgeld von 40 000 Franken das Leben verschönern soll. Mehr kann man auch von Alain Claude Sulzers virtuosem Reigen nicht verlangen. Sollte es nicht klappen, werden die Franzosen diesem Berliner Gesellschaftsroman eines Schweizers die Ehre erweisen. Deutschen Lesern darf man empfehlen, ihn zur Abwechslung von Martin Suter zu lesen.

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