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Gedichte von Kathrin Schmidt : Akrobatik aus dem Greisenhaus

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Wer „Bautzen“ hört, denkt an das dortige Gefängnis der DDR-Staatssicherheit: So geht es auch Kathrin Schmidt, deren Vater darin einsaß. Auf unserem Bild von 2007 besucht der damalige Bundespräsident Horst Köhler die Gedenkstätte. Bild: dpa

Ein wenig lyrisch gestimmtes lyrisches Ich: Kathrin Schmidt wird in ihren neuen Gedichten zur Entzauberin von Heilsversprechen.

          5 Min.

          Obwohl Kathrin Schmidt (Jahrgang 1958) fünf Romane publiziert hat, darunter den sehr erfolgreichen autobiographisch grundierten Roman „Du stirbst nicht“ (2009), steht die Lyrik von Anfang an im Vordergrund ihres Werks. Unter den Fittichen der FDJ wurde ihr in der DDR als Lyrikerin eine Bilderbuchkarriere beschieden, deren Stationen sie konsequent durchlief mit der regelmäßigen Teilnahme an den Schweriner Poetenseminaren seit 1974 und mit Gedichtpublikationen in der Seminarzeitung „rote feder“, in der Anthologie „Offene Fenster“ für Schülergedichte und in der Zeitschrift „Temperamente – Blätter für junge Literatur“ – alle im FDJ-Verlag Neues Leben.

          Das trug ihr öffentliche Anerkennung und erste Auszeichnungen ein mit dem Förderpreis der Poetenbewegung der Freien Deutschen Jugend (1978) und der Verleihung des Johannes-R.-Becher-Diploms (1981). Es folgten die erste selbständige Publikation ihrer Gedichte als Nr. 179 der legendären Heftreihe des „Poesiealbums“ und die Zulassung zum Sonderstudium am Johannes-R.-Becher-Literaturinstitut in Leipzig, wo sie „Vorlesungen zur sozialistischen Landwirtschaft, zur Mikrobiologie, zur sozialistischen Jugendforschung oder was weiß ich“, aber nichts zur Literatur zu hören bekam. Kurz darauf erschien ihr Gedichtband „Ein Engel fliegt durch die Tapetenfabrik“, wieder im Verlag Neues Leben.

          Ihre sehr enge Anlehnung an die FDJ und deren Verlag hat ihr den Argwohn und das Misstrauen ihrer Kollegen aus der Front der Oppositionellen, Dissidenten und der alternativen Szene in der DDR eingetragen. Sie selbst sah sich rückblickend als naives „Provinzei“, das gar nicht bemerkt habe, wie sie von der Partei vereinnahmt worden sei. Sie sei zwar nicht durchgängig opportunistisch gewesen, „aber auch nicht das, was man heute als DDR-Feind bezeichnen würde“. Im Dezember 1989 wurde sie von der Vereinigten Linken an den Ost-Berliner Zentralen Runden Tisch entsandt, zog sich jedoch sehr bald, enttäuscht vom männerdominierten Gerangel, daraus zurück und gab ihren Beruf als Kinderpsychologin auf, um als Redakteurin der feministischen Zeitschrift „Ypsilon“ und – neben ihren Aufgaben als Mutter von fünf Kindern – an ihren Prosawerken und an Gedichten zu arbeiten.

          Kathrin Schmidt: „sommerschaums ernte“
          Kathrin Schmidt: „sommerschaums ernte“ : Bild: Kiepenheuer & Witsch

          Nach der Wende bewarb Kathrin Schmidt sich mit neuen Gedichten um den hochangesehenen Leonce-und-Lena-Lyrik-Preis und gewann ihn 1993. Ihr erster Gedichtband im vereinten Deutschland war „Flußbild mit Engel“, nun bei Suhrkamp. Weitere erschienen dann im Verlag Kiepenheuer & Witsch, nun auch „Sommerschaums Ernte“.

          Man sagt der Lyrikerin Kathrin Schmidt immer noch nach, was schon an ihren Gedichten im „Poesiealbum“ gelobt wurde: „Ihre Metaphern sind von bündelnder Kraft, ihre Verse von schwebender Leichtigkeit, nicht zu erreichen ohne die angespannte Arbeit mit der Sprache.“ In der Tat: Der farbige Reichtum ihrer Metaphern, der spielerische Umgang mit den Wörtern und die den Texten ablesbare intensive Spracharbeit sind nach wie vor eigentümliche Kennzeichen ihrer Gedichte.

          Und doch hat sich viel verändert seit ihren poetischen Anfängen: Kathrin Schmidt ist zwar nicht wirklich alt, aber doch ein wenig älter geworden. Das merkt man ihren neuen Gedichten an: Das Gedicht „nach dem trabantentrara“ eröffnet den neuen Band: Die Trabanten sind Schmidts Kinder – nun aus dem Haus – und „fremdlinge, deren freiersfüße sprungbereit zucken“. Das Haus selbst ist zum „greisenhaus“ geworden, in dem sie mit ihrem „hausgreis“ lebt. Als er das gemeinsame Schlafzimmer verlässt, um neuerdings unterm Kirschbaum zu schlafen, denkt sie an Zeiten zurück, „als noch chromosomaler aufwand / zwischen uns herrschte“. Er ist für sie „mein omen zählender spielmuskelprotz“ und „mein schüchterner beipackzettel“; „die liebe geht aus dem haus“, und die beiden bil-den ein „schlurfduo“, „das auszieht / zum soden stechen in alzheimers torf“.

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