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Aharon Appelfeld: Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen : Die Geschichte vom schlafenden Jungen

  • -Aktualisiert am

Bild: Rowohlt

Die Werke von Aharon Appelfeld kreisen immer wieder um die Frage, warum man Geschichte nicht zurücklassen kann. Sein neuestes Buch ist wohl sein schönster und sein sanftester Roman.

          6 Min.

          Wie lebt einer mit den erlebten Schrecken, deren Wirklichkeit er nicht erinnern kann? Wohin wirken diese Ereignisse weiter? Kann man sie bannen? Und wie erzählen, was man nicht begreift? Der Protagonist des jüngsten Romans von Aharon Appelfeld befindet sich 1946, zu Beginn der Handlung, als Überlebender in einem Aufnahmelager bei Neapel. Erwin, ein sechzehnjähriger Jude aus Osteuropa, ist unendlich müde. Schlafend ist er den Schrecken entronnen, gerettet von Menschen, die nach dem Krieg vorbeikamen und ihn mitnahmen. Sie fanden, trugen und schleppten den Jungen nach Neapel, ins Überleben. Später wird der Heranwachsende einzelnen seiner Retter wiederbegegnen, doch nicht er, sondern sie werden ihn wiedererkennen: „Du bist doch der schlafende Junge, den wir gerettet haben!“ Der Satz zieht sich durch das ganze Buch. Jede Rettung war ein Wunder, denn: „Im Krieg schrumpft der Körper und die Seele schwindet. Hunger und Kälte beherrschen dich, und du hast nur einen Wunsch: so schnell als möglich zu sterben.“

          Das Ertüchtigungsprogramm einer zionistischen Gruppe, die sich im Lager gebildet hat, weckt die Lebensgeister des Heranwachsenden. Er trainiert mit der Gruppe und bricht schließlich auf, raus aus diesem Europa der Erinnerungslosigkeit, fort aus den Ruinen und den Massengräbern: auf ins verheißene Land. Doch ist das möglich?, fragt sich der Ich-Erzähler. Kann einer nach Flucht und Verfolgung tatsächlich alles abstreifen? Wo bleibt die Dankbarkeit gegenüber den Vorfahren, die Solidarität mit den Hoffnungen und Ängsten seiner Retter? Setzt er nicht, indem er sich von ihren Lebenswelten und Idealen abwendet und einwilligt, in Palästina ein Neuerer zu werden, die ganze Geschichte der Diaspora ins Unrecht? Diese Fragen treiben das Romangeschehen voran und machen die Aktualität des Werks aus. Die Neuankömmlinge sollen vergessen. Sie leben im Kibbuz, bauen Terrassen für Orangenbäume und lernen Hebräisch, unter anderem die Bezeichnungen für Eckstein und Grundstein: der Zukunft zugewandt.

          Der lange Weg zum Eigenen in der fremden Sprache

          Aharon Appelfeld, der israelische Schriftsteller, den der Schriftstellerkollege Imre Kertész schon vor Jahren als großen jüdischen Erzähler Osteuropas feierte, ist dank seines Verlegers Alexander Fest schon lange auch in Deutschland kein Unbekannter mehr. Er erhielt zahlreiche internationale Preise, 2005 hierzulande den Nelly-Sachs-Preis. Rechtzeitig zum heutigen achtzigsten Geburtstag hat Rowohlt mit „Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen“ den jüngsten Roman des Autors veröffentlicht, der die Grundfrage seines Lebens umkreist: Wie wird einer zum Schriftsteller?

          Appelfelds eigene Geschichte gleicht nicht zufällig vielen seiner Romane, auch wenn er das Geschehen von seiner Wirklichkeit entfernt. 1932 in der Bukowina geboren, wuchs er als Erwin Appelfeld in der näheren Umgebung von Czernowitz auf, wo Juden unter Ruthenen, Deutschen, Rumänen und Polen damals die Mehrheit bildeten. Kaum eine Stadt und Kultur ist heute so versunken wie das Czernowitz von Appelfelds Kindheit, die mit dem Überfall der Deutschen im Juni 1941 schlagartig endete. Erwins Mutter wurde sofort ermordet, Vater und Sohn, er war damals neuneinhalb, gelingt zunächst die Flucht, doch im Lager werden sie getrennt. Der Junge entkommt, überlebt in den Wäldern, unter Dieben und Prostituierten, später als Küchenjunge bei der Roten Armee. Irgendwann, 1946, gelangt er, wie sein Romanheld, über Italien in das damalige Palästina. Es dauert lange, bis Appelfeld in der fremden seine eigene Sprache findet.

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