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Aharon Appelfeld: Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen : Die Geschichte vom schlafenden Jungen

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Der innere Auftrag des Autors wie der seines Helden ist es, das Zersprengte zusammenzufügen, das Verlorene zu bergen und im Erzählen zu bewahren. Aber Erzählen ist bei Appelfeld kein Erinnern. „Meinem Körper hat sich die Irrfahrt besser eingeprägt als mir“, sagt er. Es ist der Körper, der sich bei Appelfeld erinnert. Hunger, Kälte, Liebe, Hingabe, Gewalt. Anders als Primo Levi oder Imre Kertész entrückt er das Erinnerte ins Märchenhafte, um das Vergangene, dem er in seiner Prosa Gegenwart verleiht, in Freiheit zu setzen und um die Erzählung entfernt vom Strom des öffentlichen Erinnerns anzusiedeln. Appelfeld beherrscht die Kunst des Weglassens. Seine Geschichten liefern kein authentisches Zeugnis, sie bauen auf physische Erinnerungen und körperliche Empfindungen. Durch die parataktische Erzählweise reiht sich Hauptsatz an Hauptsatz. Als der Protagonist die Klinik verlässt, liest man: „So verabschiedete er sich von mir. Ich hatte mir Worte überlegt, die ich zu ihm sagen wollte, aber sie waren von seinen wie weggeblasen worden. Ich brachte nur ein Danke heraus, das ich ihm hinterherrief, keine Ahnung, ob er es noch gehört hat. Seltsam, welche Wurzeln ich an diesem Ort, dem es doch derart an Privatsphäre mangelte, geschlagen hatte.“ - Das Leben besteht nicht aus Logik und Zusammenhang, sondern aus Ereignissen und Brüchen, aus Erscheinungen und Vorstellungen; zwischen jedem Satz und dem nächsten könnte sich alles wenden und alles ganz anders kommen. Außerdem hält Appelfeld in seinen Romanen stets die Figuren zueinander auf Distanz - Mitleid, Sehnsucht, Trauer und Hoffnung sind kalt.

Schreiben gegen den Zerfall der Geschichte

Sinnvolle Gemeinsamkeit, bemerkte der schottische Schriftsteller John Burnside, erwachse nicht aus einer aufgezwungenen offiziellen Geschichte, sondern aus der Verknüpfung unserer individuellen Allegorien-Geschichten. Solange wir diese Gemeinsamkeit nicht hätten, bleibe nur Trostlosigkeit. Die Allegorien-Geschichten von Appelfelds jüngstem Roman verbinden die Hügel der Karpaten, die Gebetbücher der Vorfahren, die Literatur S. Yishars und die Anpflanzung der palästinensischen Obstbäume. „Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen“ ist vielleicht Appelfelds schönstes und sanftestes Buch. Der Übersetzerin Miriam Pressler verdanken wir, dass wir in der deutschen Ausgabe an dem unscheinbaren und doch so tiefgründigen Prozess der Loslösung des Helden von eigenen und fremden rituellen Fixierungen teilhaben können. Man kann der Geschichte nicht entkommen, doch vielleicht kann man Gewalt und Trostlosigkeit etwas lindern, wenn man das offizielle Erinnern und die bloße Zukunftsorientiertheit entmachtet.

Auch dieses Buch birgt wie alle Werke Appelfelds ein Fragment der jüdischen Tragödie. Wenn man, das kabbalistische Bild vom „Bruch der Gefäße“ im Kopf, jeden Roman als eine Scherbe betrachtet, versteht man Appelfelds Lebensentscheidung, Schriftsteller zu werden, neu: als großartiges Projekt, angesichts der Katastrophe der Schoa im Erzählen das Versprengte zu bergen. Ihm gelingt es, für den Moment des Kunstwerks das Versprengte zu versammeln, das Zusammenleben der Lebenden und der Toten zu feiern und so gegen den drohenden Zerfall die Idee der Menschheit wachzuhalten.

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