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Aharon Appelfeld: Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen : Die Geschichte vom schlafenden Jungen

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Um diesen Prozess geht es in dem Buch, das in siebzig kurze, episodenhafte Kapitel gegliedert ist. Mit jeder Episode kommt für die kurze Zeit des Lesens ein Bruchstück der Geschichte an die Oberfläche. Erwin, der sich, in Palästina angekommen, in Aharon umbenennt, um sich an die neue Welt anzupassen, kann nicht aufhören, sich in den Schlaf zu flüchten. Und nicht selten, wenn er die Augen schließt, hört er die Stimmen der Toten, die er zurückgelassen hat - seiner Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten. Diese inneren Autoritäten hadern mit seinen Entschlüssen. Manchmal fordern sie ihn auf, sie nicht zu vergessen, dann wieder delegieren sie gleichsam ihr nichtgelebtes Leben an ihn. „Mach dir keine Sorgen, ich werde immer bei dir sein, wohin du auch gehst.“ Sagt seine Mutter, die mit ihm hadert, weil er seine Muttersprache aufgeben will.

Keines der üblichen Narrative über die Schoa

Den Freunden Aharons ist eine solche Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart verwehrt: Marek, der Schweigsame, der weder seinen Nachnamen noch seinen Herkunftsort preisgibt, begeht bald nach der Ankunft im Kibbuz Selbstmord, Benno, der Mitstreiter mit den sanften Händen, der mit Aharon trotz anderslautender Direktiven im Krankenhaus auch deutsch spricht, versucht vergeblich, an die Kindheit anzuknüpfen und wieder Geige zu lernen. Doch die musikalischen Sehnsüchte, die während der Kämpfe in der Wüste in ihm aufleben, kann er nicht in seine Wirklichkeit integrieren. „Die Landschaften des Negev sind spirituell. Ich habe ein Gefühl, als verberge sich hinter jedem Hügel ein Orchester oder ein großartiges Quartett“, schreibt er. Einmal trifft Aharon einen alten Mann, den „letzten Flüchtling“, der mit seiner Frage, ob die Orangenplantagen „unsere Seelen“ leer machten, eine Grundangst des Romans berührt: Wer meint, die Geschichte zurücklassen zu können, ist nur ein halber Mensch.

Literatur schafft andere Wirklichkeiten, indem sie die Realität entmachtet. In dem Zwischenreich, das Appelfeld in seinen Romanen erschafft, sind nicht nur die üblichen Kontinuitäten der Beziehungen, sondern auch die üblichen Narrative über die Schoa ausgesetzt. Bei Appelfeld bekommen alle Personen und Positionen ihre Stimme, die Zionisten und die in Europa Gebliebenen, die Vertreter von Assimilation, Diaspora und Erez Israel. Die untergegangene Welt des rabbinischen Judentums, die verschwundene Welt der assimilierten Juden, die Nachbarn, Onkel und Tanten - ihnen allen verdankt der Junge im Roman sein Leben, und wenn ihre Geschichten nicht erzählt werden, sterben die Welten ein zweites Mal, endgültig vielleicht.

Der Erinnerung des Körpers eine Sprache geben

Appelfeld verbindet das alte und das neue Judentum, die Lebenden und die Toten. Damit er den Weg zu sich selbst und zu seinem Schreiben gehen kann, zahlt der Held zunächst einen hohen Preis: Erst nach einer Verwundung, die ihn lange paralysiert, findet der Junge zu sich und seiner Bestimmung: „Wenn Gott mir meine Beine wiedergibt, Vater, werde ich losziehen und den richtigen Ausdruck für das suchen, was uns geschehen ist“, sagt er, als ihm sein Vater im Schlaf erscheint.

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