https://www.faz.net/-gr3-9x9le

Roman „Wie die Schweine“ : Zeit der Kannibalen

  • -Aktualisiert am

Agustina Bazterrica gewann mit ihrem zweiten Roman „Wie die Schweine“ den Premio Clarín, einen der wichtigsten Literaturpreise Argentiniens. Bild: Alejandro Meter/Suhrkamp Verlag

Ein Verbot von Tierfleisch macht Menschen zu Kannibalen: In ihrem preisgekrönten Roman schreibt die Argentinierin Agustina Bazterrica über den Kapitalismus als Schlachthof.

          5 Min.

          Dies ist kein realistischer Roman. Zum Glück. Die albtraumhafte Welt, von der die argentinische Schriftstellerin Agustina Bazterrica in „Wie die Schweine“ erzählt, ist nicht unsere. Und doch muss man an manchen Stellen denken: Wäre da nicht dieses eine Detail, könnten die Dinge, die im Buch vorkommen, genauso in unserer Wirklichkeit stattfinden.

          In Bazterricas Welt werden Menschen von Menschen gefressen. Das ist das Detail. Wie es dazu kommt, erfahren wir bereits auf den ersten Seiten: Als Regierungen und Medien weltweit melden, dass ein neuentdecktes Virus, das alle Tierarten befällt, auch für Menschen tödlich sein könnte, wird der Konsum von Tierfleisch verboten und die gesamte Tierpopulation vernichtet. Doch der Hunger der Bevölkerung nach Fleisch ist unstillbar (und offensichtlich kommt niemand auf die Idee, jene Fleischersatzprodukte herzustellen, die in unserer Welt gerade immer beliebter werden). Also beginnen einige Menschen, heimlich Menschen zu töten und zu essen.

          Zuerst geschieht dies illegal und mörderisch, in manchen Ländern verschwinden massenweise Immigranten, Obdachlose, Arme. Bald aber setzt die milliardenschwere Fleischindustrie, aus Mangel an Rohstoffen zum Stillstand gekommen, die Regierungen unter Druck: Und so wird die Produktion des sogenannten „Spezialfleischs“ legalisiert. „Die Schlachthöfe und Regulierungen wurden angepasst. Es dauerte nicht lange, da wurden sie wie Vieh gezüchtet, um die massive Nachfrage zu stillen.“ Agustina Bazterricas Roman spielt in der nahen Zukunft, als seine Handlung einsetzt, ist der industrialisierte Kannibalismus nicht nur offiziell etabliert: Er ist vor allem vollkommen selbstverständlich geworden.

          Alltag des Fleischproduzenten

          Marcos ist Produktionsleiter in einem der Schlachthöfe für „Spezialfleisch“, der Roman begleitet ihn durch seinen Tag. Dass er seinen Job hasst, ist von Anfang an klar. Fast jeden Tag wacht Marcos aus Albträumen von „Blut, Gestank, Automatisierung“ schweißgebadet auf: „Er weiß, dass ihn ein weiterer Tag erwartet, an dem er Menschen schlachten muss“ – auch wenn niemand offen von „Menschen“ sprechen darf, sondern nur von „Stücken“, „Männchen“, „Weibchen“. Marcos glaubt, wie viele um ihn herum, dass es in Wirklichkeit gar kein Virus gibt, sondern dass es vielmehr eine Erfindung ist, um die Überbevölkerung zu stoppen. Menschen zu essen, die nicht in zweckmäßigen Farmen gezüchtet wurden, ist zwar immer noch illegal, wird aber nicht wirklich betraft, ein riesiger Schwarzmarkt ist entstanden.

          Aber kündigen kann Marcos seinen Job trotzdem nicht, auch wenn er ihn hasst – weil er für seinen Vater sorgen muss. Dem hat früher jener Schlachthof gehört, in dem Marcos nun arbeitet, beim „Übergang“ zum neuen System hat der Vater dann einen Nervenzusammenbruch erlitten. Marcos lebt ein Leben in Stumpfsinnigkeit und Apathie, sein Sohn ist noch als Baby gestorben, seine Ehe gescheitert. Im Grund ist seine Geschichte die bekannte eines angepassten Mannes in einer Welt, in der Lügen und Grausamkeit die Normalität sind – aber dann widerfährt diesem Mann etwas, das ihn aus der Gewöhnlichkeit seiner Tage reißt: Marcos bekommt ein lebendes Geschenk: ein „Weibchen“, das er zu Hause züchten soll. Es könnte sein Leben ändern.

          „Wie die Schweine“ ist der zweite Roman von Agustina Bazterrica, die 1974 in Buenos Aires geboren wurde. Nach seinem Erscheinem im Jahr 2017 stand der Roman wochenlang auf den argentinischen Bestsellerlisten und gewann schließlich den Premio Clarín, einen der wichtigsten Literaturpreise Argentiniens. (Im Spanischen trägt das Buch übrigens einen passenderen Titel als im Deutschen, „Cadáver exquisito“, nach der kollektiven Schreibmethode der Surrealisten, „Cadavre Exquis“.)

          Mit nüchternen, unaufgeregten Sätzen führt uns Bazterrica durch eine barbarische und groteske Welt. Ein Geschäftsnetzwerk hat sich um die neue Ernährungsweise entwickelt, von den Farmen, auf denen Menschen gezüchtet werden, den Betrieben, in denen sie industriell geschlachtet werden, den Lederfabriken, wo ihre Haut für die Modebranche bearbeitet wird – bis zu den Jagdspielen, für die die stärksten Exemplare der Farmen bestimmt werden, zu den Experimenten mit lebendigen „Stücken“, die eine gewisse Doktor Valka – von ihren Mitarbeitern heimlich „Doktor Mengele“ genannt – in einem Labor durchführt, und zuletzt zu den Fleischereien, in denen sich Verkäufer und Kunden über die besten Stücke fürs Mittagessen unterhalten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Corona-Debatte bei Anne Will

          TV-Kritik: Anne Will : Mit Plattitüden gegen die Pandemie

          Wer die gegenwärtige Misere der Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erleben wollte, bekam bei Anne Will einen bemerkenswerten Anschauungsunterricht. Eine Debatte fand nicht statt, stattdessen gab es ein Poesiealbum von Allgemeinplätzen.
          Brand in einem Flüchtlingslager auf Samos (Archivbild)

          Griechenland : Feuer im Flüchtlingslager auf Samos

          In einem griechischen Flüchtlingszentrum ist abermals ein Feuer ausgebrochen. Mehrere Container brannten nieder. Dutzende Minderjährige wurden aus dem Lager gebracht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.