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Agata Tuszynska: Die Sängerin aus dem Ghetto : Erkläre, sprich, verstecke nicht dein Gesicht

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Bild: Insel Verlag Berlin

Viel mehr als nur ein Porträt: Eindrucksvoll rekonstruiert Agata Tuszynska die wechselvolle Geschichte der Wiera Gran. Sie war die oft boykottierte „Sängerin aus dem Ghetto“.

          Sie hatte alles, was man braucht, um ein Star zu werden: Schönheit, Talent, eine außergewöhnliche, tief unter die Haut gehende Altstimme und eine Art, die ihr sofort alle Türen öffnete. Nur an Selbstsicherheit hatte es ihr anfangs gefehlt. Doch auch ohne sie wurde die Warschauer Sängerin Wiera Gran schnell eine Berühmtheit. Heute würde sich vermutlich trotzdem kaum jemand an sie erinnern, wären nicht ihr tragisches Schicksal und die Hartnäckigkeit der Warschauer Autorin Agata Tuszynska gewesen. Die Reporterin, Publizistin und Dichterin, die sich in erster Linie als Biographin einen Namen gemacht hat, etwa von Isaac B. Singer, stieß nämlich vor einigen Jahren auf die Geschichte dieser Frau und beschloss, sie zu erzählen, ohne sich von ihrem Widerstand und ihrer Exzentrik abschrecken zu lassen.

          Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war Wiera Gran Anfang zwanzig und auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Und sie stand plötzlich vor der Wahl: Getto, Flucht oder Versteck. Sie wählte die Flucht, an der Seite eines Mannes, der sie vergötterte, allerdings hielt sie dieses Leben fern von Warschau nicht lange aus - sie wollte dort sein, wo sich ihre geliebte Mutter, eine russische Jüdin, und ihre beiden Schwestern befanden, auch wenn dieses Dort mittlerweile „das Getto“ hieß. Sie verbrachte hinter der Mauer fünfzehn Monate, bevor sie aufs Neue flüchtete, doch diese Zeit sollte ihr ganzes späteres Leben prägen: Der Krieg war noch nicht zu Ende, schon wurde sie von Agenten der Staatssicherheit verhaftet, angeklagt, mit der Gestapo respektive deren Helfern zusammengearbeitet zu haben, und langen Verhören unterzogen: „Erkläre, sprich, verstecke nicht dein Gesicht. Sei klarer, wie, mit wem, wann. Warum?“ Obwohl sie im Endeffekt freigesprochen und später auch vor dem Zentralen Komitee Polnischer Juden entlastet wurde, konnte sie dieses Stigma nie wieder loswerden.

          Szpilman als Polizist?

          Was ihrer Geschichte heute einen sensationellen Beigeschmack gibt: Einer ihrer hartnäckigsten Ankläger war der Musiker Wladyslaw Szpilman, dessen von Roman Polanski verfilmte Autobiographie „Der Pianist“ vor einigen Jahren zu einem Weltbestseller wurde. Er und Gran traten gemeinsam im Café „Sztuka“ auf, einem der meistfrequentierten Lokale im Getto, wobei sie der Star jedes Abends war, während er sich mit der Rolle ihres Klavierbegleiters begnügen musste. Ob das der Grund dafür war, dass er ihr nach dem Krieg den Zutritt zum Warschauer Rundfunk verwehrte, seine Anschuldigungen etliche Male wiederholte und sie in seinen Erinnerungen nicht mit einem Wort erwähnte?

          Wie immer die Antwort lautet: Gran erhob ihrerseits gegen ihn den Vorwurf, er hätte im Getto als jüdischer Polizist gearbeitet und sich dabei brutal verhalten. Tuszynska zitierte es mehrmals in ihrem Buch (“Szpilman mit einer Polizistenmütze. Szpilman in Person, der Pianist. Er zog die Frauen an den Haaren“). Die Folge waren gerichtliche Schritte seitens der Familie Szpilman und Korrekturen des Textes in der Phase der Übersetzung ins Französische, weshalb sie und nicht das polnische Original der deutschen Ausgabe zugrunde liegt.

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