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Adrienne Thomas: „Die Katrin wird Soldat“ : Der Tod und das Mädchen

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Als im „Reichsland“ Elsass-Lothringen zur Regierungszeit Wilhelms II. am Portal der Kathedrale von Metz die Figur des Daniel renoviert werden musste, gab ihr der Künstler Züge des Kaisers. Seitdem wurde Seine Majestät, obwohl nicht gerade ein „Kirchenlicht“, in der Festungsstadt „heiliger Daniel“ genannt. So lesen wir in dem Roman von Adrienne Thomas (Pseudonym für Hertha Strauch) „Die Katrin wird Soldat“, der 1930 im Berliner Propyläen Verlag erschien und nun mit einem lesenswerten Nachwort in einer Neuausgabe von Günter Scholdt vorliegt.

          Der respektlose, aber nicht gehässige Metzer Volksmund traf gut eine gespaltene Stimmung in der 1871 mit dem Elsass wieder dem Deutschen Reich einverleibten Provinz Lothringen: Kaisertreue und Patriotismus bei den zugewanderten Deutschen, Frankreich-Nostalgie bei den in Lothringen verbliebenen, alteingesessenen Familien. Zu berichten ist über eine Wiederentdeckung.

          Eine verlorene Generation

          Der seinerzeit sensationelle Erfolg von Adrienne Thomas’ Tagebuchroman beruhte weitgehend auf einer Gunst der Stunde: dem leidenschaftlichen Streit um die historische Bewertung des Weltkriegs, dessen Materialschlachten eine verstörte, „verlorene“ Generation hinterlassen hatten. Den heroisierenden Romanen, die den Schützengraben als die neue Geburtsstätte der Nation feierten, trat eine desillusionierende Literatur entgegen. Mit der Elterngeneration ging Ernst Glaesers Roman „Jahrgang 1902“ (1928) ins Gericht, zum Welterfolg katapultierte nicht zuletzt der amerikanische Film Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nicht Neues“ (1929). An diesem Romanerfolg ließ kein anderer sich messen, doch konnte „Die Katrin wird Soldat“ wenigstens eine Zeitlang aus seinem Schatten heraustreten. Was waren die Gründe?

          Wie die im Elsass geborenen Jan Schlumberger und René Schickele, die „Deutsch-Französin“ Annette Kolb und der väterlicherseits lothringische Joseph Breitbach sah sich Adrienne Thomas im Grenzbereich zwischen den Nationen und nach dem Kriegsausbruch an einem Brennpunkt deutsch-französischer Geschichte. Entscheidender vielleicht: Zum ersten Mal wurde hier in der deutschen Literatur die aller Kontrolle entgleitende Gewalt eines Krieges aus weiblicher Sicht dargestellt – von den Erfahrungen und Empfindungen einer freiwilligen Helferin und dann Krankenschwester des Roten Kreuzes her, die auf dem Bahnhof Metz die Züge mit anfangs begeisterungstrunkenen jungen Soldaten an die nahe Westfront rollen sah und in den zurückkommenden Lazarettzügen den Anblick entstellter menschlicher Körper aushalten musste.

          Im nationalen Niemandsland

          Schließlich: Zur Spannung zwischen deutscher Erziehung und der Anziehungskraft französischer Kultur tritt noch ein weiteres Identitätsproblem: Die Tagebuch-Erzählerin Katrin (Cathérine) ist Jüdin, Tochter aus wohlhabender Kaufmannsfamilie; ihr Vater leitet die Metzer Filiale eines süddeutschen Textilkonzerns. Ihr im Laufe des Krieges stärker werdendes Gefühl, sich in einem nationalen Niemandsland zu bewegen, hat wohl auch mit dieser Herkunft zu tun und entsprach im übrigen der Antikriegsstimmung bei einem großen Teil ihres Lesepublikums Anfang der dreißiger Jahre.

          Dennoch wäre es abwegig, diesen Tagebuchroman als eine literarisch verbrämte politisch-tendenziöse Kampfschrift zu verstehen. In seiner Kritik spricht Benno Reifenberg in der „Frankfurter Zeitung“ von Katrins Angst angesichts der „übermütig bejauchzten Güterzüge, die sich in rollende Särge verwandeln werden“, und davon, dass der „fast verstummend aufgezeichnete Tod des Geliebten so viel über den Krieg aussagt wie die ganze Statistik der Verlustlisten“. Ja, ein Entsetzen bleibt der Tagebuchschreiberin dieses Romans im Halse stecken, das auch heute nicht aufgehört hat zu existieren. Täglich erleben wir im Fernsehen das Trommelfeuer der Bilder von immer neuen Kriegsschauplätzen. In diesem Tagebuchroman eines Mädchens zwischen dem dreizehnten und dem neunzehnten Lebensjahr geht es nicht um ein Thema von gestern.

          Antwort auf den Landserhumor

          Aber trotz der Schrecken fordert auch im Roman das Leben sein Recht, jedenfalls solange Katrin nicht am Schmerz über den Tod des Geliebten, des Unteroffiziers Lucien Quirin, zerbricht. Eine kleine Rebellin ist sie in der Schule, nie auf den Mund gefallen, und bei der Laienaufführung eine beifallumrauschte komische Alte. Mit ihrer anschaulichen und farbigen Sprache – „Mönche und Geistliche fegen mit ihrer Soutane die Gassen“ – weiß sie auch auf den Landserhumor die richtige Antwort.

          Der Roman dagegen hat eine klare Struktur, zeichnet die Entwicklung eines Mädchens zu Selbstbewusstsein nach, zur Erkenntnis der historischen Tragödie, von deren Opfern sie eines wird. Mutet der erste Teil der Erzählung wie eine gewöhnliche Backfisch-Liebesgeschichte an, so ist bald klar, dass hier nur eine Plattform geschaffen wird, von der aus sich ein Emanzipationsprozess und damit eine exemplarische Figur profilieren können. Katrin entwächst dem Stadium glücklicher Tanzstundenfeste. Ihr wird die Chance nationaler Nachbarschaft, die der erneute kriegerische Ausbruch der „Erbfeindschaft“ verspielt, bewusst.

          Das lässt sie zur Pazifistin werden, deren Sorge nicht der Nation, sondern dem Menschen gilt. Und das alles ist weit entfernt vom expressionistischen Menschheitspathos des jüdisch-deutsch-französischen Dichters Yvan Goll. Es ist Hilfsbereitschaft, tätiges Mitleid mit dem durch Waffengewalt entstellten Menschen. So wird Katrin „Soldat“ unter dem Zeichen und für die Idee von Henri Dunant, dem Begründer des „Roten Kreuzes“.

          Noch ist der Antisemitismus gezügelt

          So unterscheidet sich auch „Die Katrin wird Soldat“ vom „Tagebuch der Anne Frank“ (1946), das in mir als literarisches Zeugnis aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs einen ähnlich starken Eindruck hinterlassen hat wie der Roman als literarische Antwort auf den Ersten. Die mit ihrer jüdischen Familie im Amsterdamer Versteck lebende dreizehnjährige Anne Frank notiert ihre Beobachtungen mit erstaunlicher, fast humoristischer Erzählfreude, aber eben doch mit einem gehörigen Schuss Naivität. Allerdings wird sie dann im Lager Bergen-Belsen in den Mahlstrom des Holocaust hineingerissen. Der Roman aus der Zeit des Ersten Weltkriegs erzählt vom Antisemitismus nur am Rande. Noch treffen sich an den jüdischen Festen Bürger und deutsch-jüdische Soldaten in der Synagoge von Metz. Noch bleibt der „Rassenhass“ gezügelt.

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