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Abraham Verghese: Rückkehr nach Missing : Der Riss zwischen Medizin und Leben

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Der Arzt als Erzähler: In Abraham Vergheses Familiensaga „Rückkehr nach Missing“, die sich über sechzig Jahre und vier Kontinente erstreckt, kommen Leben und Tod, Glück und Leid einander so nah wie auf den Fluren einer Intensivstation.

          Eine lebensbedrohliche Krankheit ist immer auch eine Erzählung, mit der das Leben neu vermessen werden muss. Ärzte spielen dabei eine besondere Rolle, denn in gewisser Weise sind sie es, die das Genre und den Ton, in dem wir erzählen, bestimmen. In Zeiten von Hochleistungsmedizin und digitalisiertem iPatienten, dessen Chipkarte wichtiger scheint als der Kranke selbst, mag die Frage, wie im Notfall Erste Hilfe durch das Ohr zu leisten ist, befremden. Trost zusprechen, so die richtige Antwort, assoziiert so mancher angehende Mediziner eher mit den Aufgaben eines geistlichen Seelsorgers als mit denen des Arztes.

          Für die Helden der knapp achthundertseitigen Familiensaga „Rückkehr nach Missing“ liegt die Sache anders. Der Gravitationspunkt ihrer Lebensgeschichten, die sich über sechzig Jahre und vier Kontinente erstrecken, ist ein Missionskrankenhaus im äthiopischen Addis Abeba, ein von Finanznöten und mangelnder Ausstattung geplagter Ort der letzten Hoffnung für Kranke und ihre Angehörigen, den die Einheimischen Missing nennen, weil ihnen das fremde Suffix nicht richtig über die Zunge rutscht.

          Beseelt von Medizinern

          Ich wollte, so sagte Abraham Verghese, Arzt und Professor für Theorie und Praxis der Medizin, in einem Interview, dass mein Roman ganz von der Medizin handelt, dass er beseelt ist von Medizinern, so wie Émile Zolas Romane beseelt sind von Paris. Doch keine Angst, auch wenn das Buch über Passagen als medizinisches Lehrbuch durchgehen könnte und die Agglomeration von anatomischen Details zuweilen die Geduld- und Schmerzgrenze strapaziert, der Leser wird für alles entschädigt: mit großen Gefühlen, mit kluger Nachdenklichkeit und mit Bildern von melancholischer Schönheit.

          Als Frühchen erblicken Marion und Shiva in jenem Missing Mitte der fünfziger Jahre das Licht der Welt. Die schwere Geburt dauert viele Stunden und zweihundert Buchseiten und kostet die Mutter, die katholische Nonne Mary Joseph Praise, das Leben. Der leibliche Vater und einzige Chirurg des Hauses, Thomas Stone, kann in letzter Minute die am Kopf zusammengewachsenen Säuglinge retten, dann entschwindet der kauzige Brite in die Weiten Afrikas. Die Schwangerschaft, von der niemand etwas ahnte, bleibt ein Rätsel. Die einzig verbliebenen Ärzte, zwei indische Expatriaten, nehmen sich liebevoll der eineiigen Zwillinge an. Ihre überraschende Elternschaft und die Passion für den Beruf schmelzen die resolute Gynäkologin Hema und den ironisch-feinsinnigen Internisten Gosh zu einer anrührenden Lebensgemeinschaft zusammen, die auch noch Platz hat für Genet, die uneheliche Tochter der Haushälterin.

          Ein gynäkologischer Autodidakt

          Es ist eine weitgehend unbeschwerte, glückliche Kindheit in einem bitterarmen Land, das von Kaiser Haile Selassie mit Zuckerbrot und Peitsche regiert wird. Nach einem missglückten Attentat auf den Kaiser verschwindet Gosh im für Folter und Standgerichte berüchtigten Gefängnis der Stadt. Seine Bridgepartien mit einem der Rädelsführer waren ihm zum Verhängnis geworden. Doch weil selbst Diktatoren und ihre vielköpfigen Familien zuweilen kränkeln, kommt der indische Arzt noch einmal glimpflich davon.

          Während Marion von seinem Ziehvater nach und nach in die innere Medizin und die Chirurgie eingeführt wird und fleißig in der Schule paukt, um an der Universität Medizin studieren zu können, entwickelt sich der hochbegabte, aber schulresistente Shiva unter der Anleitung seiner Pflegemutter zum medizinischen Autodidakten auf dem Gebiet der Gynäkologie. Die Pubertät lässt die unzertrennlichen Brüder mehr und mehr zu Rivalen werden, deren Gemeinschaft schließlich an einer Lüge um die von beiden umworbene Genet zerbricht.

          Die Kunst der Improvisation

          Verghese, als Sohn indischer Lehrer in Addis Abeba aufgewachsen, zeichnet mit Bewunderung den Alltag einer nur mit dem Nötigsten ausgestatteten Missionsklinik. Es geht um die Kunst der Improvisation, um handwerkliches Geschick und medizinische wie zivilisatorische Erzähl- und Überzeugungsarbeit in einem Land, zu dessen archaischen Riten die weibliche Genitalbeschneidung und die Dämonisierung von Krankheiten und Kranken gehören. Vor allem aber geht es um so altmodische Tugenden wie Demut, Aufopferung und Hingabe.

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