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: Ab in die Wüste

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          4 Min.

          Das Hoggar ist ein Gebirge vulkanischen Ursprungs im Süden Algeriens. In seinem Zentrum liegt das Assekrem-Plateau. Das Gebiet wird vorwiegend von Tuareg bewohnt, jenem nomadischen Berbervolk, nach dem ein deutscher Automobilkonzern seine größte CO2-Schleuder benannt hat. Dorthin hat sich zur Erkundung des Schwalbenflugs ein Vogelforscher zurückgezogen, zusammen mit seinem Begleiter und Dolmetscher Jibril, einem Araber, und einem Geschichtenerzähler, einem "professionellen Poeten", der abends die Leute unterhält. Und so fängt es an: "Hört zu, es ist noch Sonnenuntergang über dem Hügel des Assekrem. Gelb, ocker, hellblau, ultramarin, karminrot. Himmel, Erde, Berge, Täler." Oh Gott, fürchtet man da, ein Wüstenroman, in dem es bestimmt um die letzten Dinge geht und der uns am Ende mit einer Botschaft und mit Sinn beglücken wird.

          Zum Glück für den Leser ist das keineswegs so. Maurizio Maggiani, der für diesen Roman den Premio Strega erhalten hat, ist ein streckenweise zwar sehr poetischer, zugleich aber auch überaus hinterfotziger Erzähler, der die frohe Botschaft strikt verweigert. Er weiß, dass nach dem Ende der großen Erzählung auch die vielen kleinen sich nicht zum Sinn runden. Und wenn der Erzähler seinen augenblicklichen Standort zwar einerseits als den "Mittelpunkt des Universums" angibt, bezeichnet er ihn im nächsten Halbsatz doch zugleich als "Arsch der Welt".

          Das Personal, das er nach und nach während seiner Erzählungen vorstellt, ist alles andere als idealtypisch. Der professionelle Poet hat sich ihm unter anderem deshalb so gern angeschlossen, weil er seine Frau nicht mehr erträgt. Seine Geschichten darüber, was er am Tage gesehen hat, sind zu einem nicht geringen Teil erstunken und erlogen, wie es sich für die Literatur gehört. Die Pariser Journalistin Marguerite, die zu Besuch kommt, um eine schmissige Reportage zu schreiben, "eine von denen, die den Dingen auf den Grund gehen", versteht von diesen Dingen rein gar nichts und stört eigentlich nur das Liebeswerben zwischen der schönen Tuareg Ahmiti und dem von ihr ausgewählten jungen Mann. Der Erzähler selbst beruhigt sein Begehren auf einer profaneren Ebene und geht in Tamanrasset, der größten Oase in der Region, ins Bordell, unter fachkundiger Beratung seines Dolmetschers Jibril. So geht's zu in der Wüste. Aber der Wüstenroman, als der Maggianis Buch anfangs erscheint, ist sein Roman gar nicht geworden. Angelegt ist er als ein Kranz von Geschichten, die durchaus unterschiedliche Erzähler haben und darin eher dem Prinzip des "Decamerone" als den Märchen aus Tausendundeiner Nacht folgen. Diese Geschichten korrespondieren zwar miteinander, fügen sich am Ende aber nicht zu einem runden Ganzen, das uns zufrieden und getröstet zurücklässt.

          Das ist auch nicht Maggianis Absicht. Das eigentliche Zentrum seines Romans ist eine lange Erzählung aus den zahlreichen europäischen Kriegen der neunziger Jahre, die dem Leser gleichsam en passant vorführt, wie wenig friedvoll unser Kontinent seit den Verschiebungen von 1989 ist. Diese Kriegserzählung berichtet von einer jungen Frau, die ungeachtet aller Gefahren den Balkan durchwandert, und von der Bärin Amapola, die in den bosnischen Wäldern auf der Flucht vor dem Krieg ist, Richtung Westen. Denn unser Vogelforscher war Mitte der neunziger Jahre kurzzeitig einmal Bärenforscher, weil es dafür eine Vielzahl von "Finanzierungen, Stipendien und Forschungsprogramme" gab.

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