https://www.faz.net/-gr3-7trvn

„3000 Euro“ von Thomas Melle : Liebesanbahnung im Supermarkt

  • -Aktualisiert am

Am Rand, hier aber idyllisch: Thomas Melle Bild: Zimmermann, Julia

Wenn sich die Kassiererin in den Pfandflaschensammler verliebt: Thomas Melles „3000 Euro“ hat es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Aber steht er dort auch zu Recht?

          4 Min.

          Der eine hat, was dem anderen fehlt. Diese ebenso sandkastentaugliche wie weltökonomische Ungleichheitsformel strukturiert Thomas Melles zweiten Roman, der gestern auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gewählt wurde. „3000 Euro“ lautet der prosaische Titel des Romans, und so geht es in diesem Fall von Haben oder Nichthaben weder um politische Macht noch um verführerische Ehepartner, sondern schlicht um den titelgebend bemessenen Betrag. Die Summe ist genau kalkuliert. Sie entspricht dem Bruttolohn, den die Deutschen monatlich im Durchschnitt verdienen.

          Dreitausend Euro trägt in den Bevölkerungskreisen, die man zumindest nach der Lohnstatistik als durchschnittlich bezeichnen würde, niemand in der Hosentasche mit sich herum. Aber der Betrag ließe sich aufbringen, wenn man zum Beispiel jemandem helfen müsste, der in Not geraten ist. Zugleich ist der Bruttodurchschnittslohn eine Chimäre.

          Realität ist ja, dass ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung weniger verdient oder eben überhaupt keine regelmäßige Arbeit hat. Über dreitausend Euro frei verfügen zu können bleibt da ein Traum. Genau davon will Thomas Melles Roman erzählen. Er überkreuzt die Lebenswege von zwei Personen, die auf normalem Weg selbst ein solch überschaubares Vermögen nicht erwirtschaften können. Melle eröffnet somit einen Blick auf jene soziale Gegenwart, die nicht nur in der Literatur marginalisiert wird.

          Nullsummenspiel und zarte Liebesbande

          Denise steht auf der Habenseite des Romans. Die Supermarktkassiererin, überforderte Mutter und tanzfreudige Nachtschwärmerin hat sich mit einem Pornodreh dreitausend Euro extra verdient. Bis der Betrag auf ihrem Konto liegt, dauert es zwar seine Weile, aber dann will sie sich einen alten Traum erfüllen und nach New York reisen.

          Anton hingegen hat nichts: Jurastudium abgebrochen, Taxi zu Schrott gefahren, Führerschein weg, arbeits- und obdachlos, kann er sich aus dem unerbittlichen Sog der Abwärtsspirale nicht befreien. Das Einzige, was Anton hat, sind Defizite - auch finanzielle. Nachdem er einen Sommer lang die Kontrolle über sein Leben verloren hat, trägt er dreitausend Euro Schulden mit sich herum: „Dreitausend Euro, dreitausend Euro, dreitausend Euro. Nichts ist das und trotzdem alles“, lautet Antons Mantra. Jetzt will seine Bank das Geld zurück, der Prozesstermin steht unmittelbar bevor. Im Fall einer Niederlage vor Gericht würde sich der Schuldenbetrag mit einem Schlag um das Vielfache erhöhen.

          Wenn in einem Roman die eine Figur hat, was die andere unbedingt braucht, dann wäre es wohl die größere Überraschung, Anton und Denise würden sich nicht treffen oder hätten wenigstens nichts füreinander übrig. Haben sie aber. Daher fallen Pornoüberweisung, Gerichtstermin und Liebeshandlung zeitlich ineinander. Und deshalb kommt das Gedankenspiel in Gang, ob Denise das Geld nicht doch besser in Anton investieren sollte, als sich eigene Träume zu erfüllen. Während Anton sich der vagen Hoffnung hingeben kann, dass doch noch Rettung nahen könnte. Nullsummenspiel und zarte Liebesbande tragen die Handlung zuverlässig bis zum Tag der Gerichtsverhandlung.

          Symptomatisches Erzählen

          Ebenso großes Interesse wie am Liebesgeflüster hat Melle an so überzeugenden Beobachtungen wie der, dass sich der Supermarkt zu einem der interessantesten sozialen Orte im heutigen Alltagsleben entwickelt hat. Tatsächlich ist es seit ein paar Jahren auch in den Supermärkten der deutschsprachigen Literatur ziemlich voll geworden. Da flanieren ältere Herren im Schunkelwohlklang der Konsumbeschallung durch die Regalreihen, verlieren sich wie Einkaufsmelancholiker im Etikettenschwindel oder treiben Schüler, angepeitscht von Nirvana-Sound, die Panik vor einem Terroranschlag auf die Spitze.

          Bei Melle kommt jetzt die Liebe zwischen Pfandflaschensammler und Kassiererin hinzu, die sich auf pekuniär bestimmtem Terrain näherkommen. Was schon deshalb gut beobachtet ist, weil sich das Verhältnis zwischen Kassierern und Kunden tiefgreifend verändert hat, seit an der Kasse nicht mehr nur die Grundnahrungsmittel eingekauft werden, sondern ein größer werdender Kundenkreis seinem alltäglichen Broterwerb nachgeht, indem er Pfandmarken in Bares oder in Waren umsetzt.

          Im Gegensatz zum Warenhaus ist der Supermarkt schon aufgrund dieser Umwandlung des Konsumenten zum Produzenten auf bemerkenswerte Weise mit der Zeit gegangen. Solche Veränderungen zu erkennen und als Liebeserzählung zu entfalten ist die Stärke von Melles weniger realistischem als vielmehr symptomatischem Erzählen.

          Spröde Gassenhauer

          Im Fall von Denise gelingt ihm das eindrücklich. Ihre Lebens-, Gedanken- und Gefühlswelt entfaltet sich greifbar vor den Augen des Lesers. Wenn sie vor ihrem Handy sitzt, um für eine gemeinsame Nacht auf einen alten Bekannten zurückzugreifen, wenn sie Versionen ihrer Nachricht durchspielt, manche als zu anzüglich, andere als zu fad verwirft und schließlich nur die Frage „Na?“ schreibt, ist das groß, denn so funktioniert es. Wenn ihr vor Wut auf ihre Tochter für einen fahrlässigen Moment der Gedanke durch den Kopf schießt, dass sie jetzt mit einem Schubsen ihr Leben ändern könnte, wenn in diesem Moment das Kind tatsächlich fällt, dann setzen Scham und Schmerz nicht nur den Romanfiguren zu.

          Mit Anton liegt der Fall schwieriger. Der irrlichtert nicht einfach nur durch Stadt und Leben, sondern verliert sich auch in den Beschreibungen. Mal ist ihm alles egal, dann überschlägt er sich voller Enthusiasmus. Mal ist er dumpf und leer, eine Sekunde später steckt er voller Talente. Singen, Gitarre spielen, Songs schreiben kann er so gut, dass er mit eigenen Liedern eine Blitzkarriere als Straßenmusiker startet.

          Nach einer Schlägerei aber lässt er sein Equipment, von dem nicht ganz klar ist, woher das überhaupt kam, sorglos in einer Kneipe zurück. Auf die spröden Gassenhauer folgt dann wieder die Dreitausender-Litanei. Anton ist einfach nicht zu fassen, er steckt fest im eigenen Wahnsinn.

          Risse in der Poetik

          Insofern setzt sich in Anton auch Melles furioser Debütroman „Sickster“ fort. Dort hatte Melle alle Atome popliterarischen Erzählens noch einmal durch den Teilchenbeschleuniger gejagt und seine Leser fasziniert dabei zusehen lassen, wie drei Hipster trotz glänzender Oberfläche innerlich verrotteten, bis sie alle drei im Wahnsinn strandeten. Den Wahn setzt Melle fort, mit Popästhetik will er allerdings nichts mehr zu tun haben.

          Deshalb dürfen seine Figuren nicht einfach nur Anton und Denise sein, sondern müssen Charaktereigenschaften tragen oder Sätze sagen, die ihnen nicht gut stehen. Was wäre eigentlich, wenn eine Supermarktkassiererin zwar von New York träumt, mit den dreitausend Euro dann aber schlicht die gröbsten Lücken im Haushalt schließt? Wenn sie keine Tochter mit Wahrnehmungsstörung hätte, sondern ein so freundliches, kluges, rücksichtsvolles Kind, wie es nun einmal viele Kinder sind? Wenn Anton keine Dostojewski-Kurzreferate einflechten oder neben seinen Gassenhauern nicht auch noch schopenhauerverdächtig dozieren würde: „Der Gewaltakt gegen sich selbst hat etwas Unwürdiges, Reste einer metaphysischen Ethik strahlen aus einer verschütteten Vergangenheit herüber?“

          Solche Sätze wirken, als habe ein ambitionierter Erzähler seine Figuren indoktriniert. Melles Erzählweise der unbedingten Zuspitzung hat vieles für sich, aber sie zwingt die Figuren zu seltsamen Verrenkungen und erschüttert die Erzählkonzeption so schwer, dass der Roman zwar zu den unbedingt lesenswerten dieses Herbstes gehört, aber dennoch bedenkliche Risse in seiner Poetik aufweist.

          Bild: Rowohlt

          Weitere Themen

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Topmeldungen

          Wer wird Fraktionsvorsitzender im Bundestag? Friedrich Merz und Markus Söder am Ufer des Kirchsees

          CDU-Vorsitz : Merz muss es wagen

          Die Union will eine starke Opposition werden. Mit einer gespaltenen Führung wird daraus aber nichts. Merz muss es wagen, Brinkhaus muss weichen.
          Anleger greifen gerne zu ETF. Doch die sind komplizierter als es zunächst scheint.

          Einfach erklärt : Wie ETF tatsächlich funktionieren

          ETF sind heutzutage in aller Depots. Doch wie funktioniert das Vehikel eigentlich wirklich? Eines ist sicher, jedenfalls nicht wie Fonds zu Opas Zeiten.
          Hahnenkampf: Nur aus der Ferne wahnsinnig sympathisch

          Fraktur : Hahnenkampf um die Windräder

          Die Pressekonferenz von Söder und Habeck wies verblüffende Parallelen zum Ukrainekonflikt auf. Nähe ist eben manchmal ziemlich erdrückend.