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„3000 Euro“ von Thomas Melle : Liebesanbahnung im Supermarkt

  • -Aktualisiert am

Am Rand, hier aber idyllisch: Thomas Melle Bild: Zimmermann, Julia

Wenn sich die Kassiererin in den Pfandflaschensammler verliebt: Thomas Melles „3000 Euro“ hat es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Aber steht er dort auch zu Recht?

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          Der eine hat, was dem anderen fehlt. Diese ebenso sandkastentaugliche wie weltökonomische Ungleichheitsformel strukturiert Thomas Melles zweiten Roman, der gestern auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gewählt wurde. „3000 Euro“ lautet der prosaische Titel des Romans, und so geht es in diesem Fall von Haben oder Nichthaben weder um politische Macht noch um verführerische Ehepartner, sondern schlicht um den titelgebend bemessenen Betrag. Die Summe ist genau kalkuliert. Sie entspricht dem Bruttolohn, den die Deutschen monatlich im Durchschnitt verdienen.

          Dreitausend Euro trägt in den Bevölkerungskreisen, die man zumindest nach der Lohnstatistik als durchschnittlich bezeichnen würde, niemand in der Hosentasche mit sich herum. Aber der Betrag ließe sich aufbringen, wenn man zum Beispiel jemandem helfen müsste, der in Not geraten ist. Zugleich ist der Bruttodurchschnittslohn eine Chimäre.

          Realität ist ja, dass ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung weniger verdient oder eben überhaupt keine regelmäßige Arbeit hat. Über dreitausend Euro frei verfügen zu können bleibt da ein Traum. Genau davon will Thomas Melles Roman erzählen. Er überkreuzt die Lebenswege von zwei Personen, die auf normalem Weg selbst ein solch überschaubares Vermögen nicht erwirtschaften können. Melle eröffnet somit einen Blick auf jene soziale Gegenwart, die nicht nur in der Literatur marginalisiert wird.

          Nullsummenspiel und zarte Liebesbande

          Denise steht auf der Habenseite des Romans. Die Supermarktkassiererin, überforderte Mutter und tanzfreudige Nachtschwärmerin hat sich mit einem Pornodreh dreitausend Euro extra verdient. Bis der Betrag auf ihrem Konto liegt, dauert es zwar seine Weile, aber dann will sie sich einen alten Traum erfüllen und nach New York reisen.

          Anton hingegen hat nichts: Jurastudium abgebrochen, Taxi zu Schrott gefahren, Führerschein weg, arbeits- und obdachlos, kann er sich aus dem unerbittlichen Sog der Abwärtsspirale nicht befreien. Das Einzige, was Anton hat, sind Defizite - auch finanzielle. Nachdem er einen Sommer lang die Kontrolle über sein Leben verloren hat, trägt er dreitausend Euro Schulden mit sich herum: „Dreitausend Euro, dreitausend Euro, dreitausend Euro. Nichts ist das und trotzdem alles“, lautet Antons Mantra. Jetzt will seine Bank das Geld zurück, der Prozesstermin steht unmittelbar bevor. Im Fall einer Niederlage vor Gericht würde sich der Schuldenbetrag mit einem Schlag um das Vielfache erhöhen.

          Wenn in einem Roman die eine Figur hat, was die andere unbedingt braucht, dann wäre es wohl die größere Überraschung, Anton und Denise würden sich nicht treffen oder hätten wenigstens nichts füreinander übrig. Haben sie aber. Daher fallen Pornoüberweisung, Gerichtstermin und Liebeshandlung zeitlich ineinander. Und deshalb kommt das Gedankenspiel in Gang, ob Denise das Geld nicht doch besser in Anton investieren sollte, als sich eigene Träume zu erfüllen. Während Anton sich der vagen Hoffnung hingeben kann, dass doch noch Rettung nahen könnte. Nullsummenspiel und zarte Liebesbande tragen die Handlung zuverlässig bis zum Tag der Gerichtsverhandlung.

          Symptomatisches Erzählen

          Ebenso großes Interesse wie am Liebesgeflüster hat Melle an so überzeugenden Beobachtungen wie der, dass sich der Supermarkt zu einem der interessantesten sozialen Orte im heutigen Alltagsleben entwickelt hat. Tatsächlich ist es seit ein paar Jahren auch in den Supermärkten der deutschsprachigen Literatur ziemlich voll geworden. Da flanieren ältere Herren im Schunkelwohlklang der Konsumbeschallung durch die Regalreihen, verlieren sich wie Einkaufsmelancholiker im Etikettenschwindel oder treiben Schüler, angepeitscht von Nirvana-Sound, die Panik vor einem Terroranschlag auf die Spitze.

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