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„3000 Euro“ von Thomas Melle : Liebesanbahnung im Supermarkt

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Bei Melle kommt jetzt die Liebe zwischen Pfandflaschensammler und Kassiererin hinzu, die sich auf pekuniär bestimmtem Terrain näherkommen. Was schon deshalb gut beobachtet ist, weil sich das Verhältnis zwischen Kassierern und Kunden tiefgreifend verändert hat, seit an der Kasse nicht mehr nur die Grundnahrungsmittel eingekauft werden, sondern ein größer werdender Kundenkreis seinem alltäglichen Broterwerb nachgeht, indem er Pfandmarken in Bares oder in Waren umsetzt.

Im Gegensatz zum Warenhaus ist der Supermarkt schon aufgrund dieser Umwandlung des Konsumenten zum Produzenten auf bemerkenswerte Weise mit der Zeit gegangen. Solche Veränderungen zu erkennen und als Liebeserzählung zu entfalten ist die Stärke von Melles weniger realistischem als vielmehr symptomatischem Erzählen.

Spröde Gassenhauer

Im Fall von Denise gelingt ihm das eindrücklich. Ihre Lebens-, Gedanken- und Gefühlswelt entfaltet sich greifbar vor den Augen des Lesers. Wenn sie vor ihrem Handy sitzt, um für eine gemeinsame Nacht auf einen alten Bekannten zurückzugreifen, wenn sie Versionen ihrer Nachricht durchspielt, manche als zu anzüglich, andere als zu fad verwirft und schließlich nur die Frage „Na?“ schreibt, ist das groß, denn so funktioniert es. Wenn ihr vor Wut auf ihre Tochter für einen fahrlässigen Moment der Gedanke durch den Kopf schießt, dass sie jetzt mit einem Schubsen ihr Leben ändern könnte, wenn in diesem Moment das Kind tatsächlich fällt, dann setzen Scham und Schmerz nicht nur den Romanfiguren zu.

Mit Anton liegt der Fall schwieriger. Der irrlichtert nicht einfach nur durch Stadt und Leben, sondern verliert sich auch in den Beschreibungen. Mal ist ihm alles egal, dann überschlägt er sich voller Enthusiasmus. Mal ist er dumpf und leer, eine Sekunde später steckt er voller Talente. Singen, Gitarre spielen, Songs schreiben kann er so gut, dass er mit eigenen Liedern eine Blitzkarriere als Straßenmusiker startet.

Nach einer Schlägerei aber lässt er sein Equipment, von dem nicht ganz klar ist, woher das überhaupt kam, sorglos in einer Kneipe zurück. Auf die spröden Gassenhauer folgt dann wieder die Dreitausender-Litanei. Anton ist einfach nicht zu fassen, er steckt fest im eigenen Wahnsinn.

Risse in der Poetik

Insofern setzt sich in Anton auch Melles furioser Debütroman „Sickster“ fort. Dort hatte Melle alle Atome popliterarischen Erzählens noch einmal durch den Teilchenbeschleuniger gejagt und seine Leser fasziniert dabei zusehen lassen, wie drei Hipster trotz glänzender Oberfläche innerlich verrotteten, bis sie alle drei im Wahnsinn strandeten. Den Wahn setzt Melle fort, mit Popästhetik will er allerdings nichts mehr zu tun haben.

Deshalb dürfen seine Figuren nicht einfach nur Anton und Denise sein, sondern müssen Charaktereigenschaften tragen oder Sätze sagen, die ihnen nicht gut stehen. Was wäre eigentlich, wenn eine Supermarktkassiererin zwar von New York träumt, mit den dreitausend Euro dann aber schlicht die gröbsten Lücken im Haushalt schließt? Wenn sie keine Tochter mit Wahrnehmungsstörung hätte, sondern ein so freundliches, kluges, rücksichtsvolles Kind, wie es nun einmal viele Kinder sind? Wenn Anton keine Dostojewski-Kurzreferate einflechten oder neben seinen Gassenhauern nicht auch noch schopenhauerverdächtig dozieren würde: „Der Gewaltakt gegen sich selbst hat etwas Unwürdiges, Reste einer metaphysischen Ethik strahlen aus einer verschütteten Vergangenheit herüber?“

Solche Sätze wirken, als habe ein ambitionierter Erzähler seine Figuren indoktriniert. Melles Erzählweise der unbedingten Zuspitzung hat vieles für sich, aber sie zwingt die Figuren zu seltsamen Verrenkungen und erschüttert die Erzählkonzeption so schwer, dass der Roman zwar zu den unbedingt lesenswerten dieses Herbstes gehört, aber dennoch bedenkliche Risse in seiner Poetik aufweist.

Bild: Rowohlt

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