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Fotografien von Charlotte Joël : Beim Bahnhof Zoo

Nicht der einzige Promi im Charlottenburger Studio: Schriftsteller Karl Kraus ließ sich von Charlotte Joël fotografieren. Bild: Forschungsinstitut Brenner-Archiv

Vor ihrer Kamera posierten (zukünftige) Berühmtheiten wie Karl Kraus und Marlene Dietrich, Martin Buber und Walter Benjamin: Ein Katalog sammelt die Fotografien von Charlotte Joël.

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          Eine junge Frau mit großer Schleife im Haar, im Kleid mit hoher Taille und breitem Spitzenkragen: Wenige Jahre später wird sie eine Ausbildung zur Geigerin abbrechen, um zum Theater zu gehen, und bald darauf eine steile Karriere beim Film machen. Warum die siebzehnjährige Marlene Dietrich unter den Hunderten Fotostudios Berlins gerade jenes von Charlotte Joël aufsuchte, um sich ablichten zu lassen, darüber scheint nichts bekannt. Aber die einzige (zukünftige) Prominenz, die sich in diesem Studio beim Zoologischen Garten porträtieren ließ, war sie nicht.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Auch Fotografien von Gustav Landauer, Martin Buber, Walter Benjamin und Karl Kraus sind dort entstanden. In ihrem Fall weiß man allerdings, wer die Porträtierten ins Charlottenburger Studio vermittelte: Es war der jüngere Bruder der Fotografin, Ernst Joël, der sich zuerst in der Freien Studentenschaft engagiert hatte und dann als Arzt medizinische Fürsorge- und Aufklärungseinrichtungen in Berlin aufbaute, bevor er 1929 bei Selbstversuchen mit Drogen – diejenigen Walter Benjamins mit Haschisch hatte er begleitet – starb.

          Über das kurze Leben des charismatischen Ernst Joël wissen wir einiges, über das seiner Schwester, 1887 geboren und in Auschwitz ermordet, nur sehr wenig. Dieses wenige ist in einem knappen Essay nachzulesen, der einem nun erschienenen Katalog der fotografischen Arbeiten Charlotte Joëls, soweit sie erhalten geblieben sind und aufgespürt werden konnten, vorangestellt ist.

          1918 ließ sich die siebzehnjährige Marlene Dietrich im Fotostudio von Charlotte Joël fotografieren.

          Gerade über ihre Tätigkeit als Fotografin geben allerdings so gut wie keine Quellen oder Dokumente nähere Auskunft. Wenige Zeilen nur sind von ihr erhalten geblieben, keine Negative, keine Fotografie, die sie selbst zeigt. Und spärlich sind auch die Spuren, die ihren Weg nach 1933 verfolgen lassen, als sie das 1913 gegründete Fotostudio an ihre Geschäftspartnerin übergeben musste, aber offenbar weiterhin dort fotografierte, bevor sie 1939 von der nationalsozialistischen Verfolgungsmaschinerie erfasst und nach mehreren Einweisungen – zuletzt in ein Lager beim brandenburgischen Fürstenwalde – im Frühjahr 1943 ins Vernichtungslager deportiert wurde.

          Friedrich Pfäfflin hat in jahrelanger Arbeit den Fotografien Charlotte Joëls nachgespürt, ausgehend zweifellos von ihrer wohl bekanntesten Serie, den zwischen 1921 und 1930 entstandenen über dreißig Porträts von Karl Kraus. Insgesamt dokumentiert sein Katalog über zweihundert Fotografien, darunter auch solche aus den letzten drei Jahren vor der Deportation, deren Negative offenbar von Freunden oder Vertrauensleuten der Internierten zum Entwickeln gebracht wurden.

          Die Porträts von Walter Benjamin stehen im Kontext der Fotografien seiner Schwester Dora und der Familie seines Bruders Georg, auch Gretel Karplus, Theodor W. Adornos zukünftiger Ehefrau, begegnet man, und Kinderbilder stellen als Spezialität des Fotostudios – wie manche der Porträts manchmal als Postkarten verkauft – einen großen Anteil.

          Alle Fotografien zeichnet eine auf einfache gestalterische Mittel konzentrierte Formensprache aus. Mit Licht und Schatten wird kaum gespielt, aparte Bildausschnitte werden nicht gesucht, die neutralen Hintergründe mischen sich nicht ein, Retuschen findet man keine. Alle diese Entscheidungen – für sie stand wohl die „moderne Fotografie“ im Firmennamen des Studios – steigern die Präsenz der Porträtierten.

          Vollständig kann der Katalog nicht sein, aber schon in der kurzen Zeit, die bis zur zweiten Auflage in diesem Frühjahr verging, sind vier neue Fotografien hinzugekommen. Die Sammelarbeit ist noch nicht abgeschlossen.

          Das Werk der Photographin Charlotte Joël“. Katalog von Friedrich Pfäfflin, mit einem Essay von Werner Kohlert. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 336 S., Abb., geb., 24,90.

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