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Atatürks Ehefrau : Der Pascha war leider überfordert

Auf Augenhöhe: Latife Hanim und Kemal Atatürk Bild: picture-alliance/ dpa

Latife Hanim, Ehefrau Kemal Atatürks in der noch jungen Republik, galt als Sinnbild einer nörgelnden Ehefrau und wurde in der Türkei lange totgeschwiegen. Ipek Çalislar entdeckt in ihr die Wegbereiterin eines modernen Frauenbilds.

          Atatürk und die Frauen? Ein Playboy sei er gewesen, charmant und gutaussehend, von seinen Tanzkünsten hätten die Damen in ganz Europa geschwärmt, heißt es in der Türkei. Und: Eine Frau brachte sich sogar für ihn um. Fikriye Hanim, die jahrelange Geliebte Atatürks, hatte sich vor seinem Haus in Çankaya 1924 erschossen, weil der türkische Staatsgründer nicht sie, sondern Latife, die Tochter eines reichen Händlers aus Izmir, geheiratet hatte.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Fikriye ging als schöne Märtyrerin in die türkische Geschichte ein. Bis heute nährt ihr Freitod den Personenkult um Atatürk. Latife hingegen, von der sich Atatürk im August 1925 nach nur zweieinhalb Jahren Ehe wieder scheiden ließ, gilt bis heute in der Türkei bei vielen als Sinnbild einer nörgelnden, übellaunigen Ehefrau. Als „latifegibi“ bezeichnet man dort Ehefrauen, die mit den Absätzen aufstampfen und rumschreien, wenn ihre Männer nicht so wollen wie sie.

          Befragt man türkische Geschichtsbücher, dann findet man, wenn überhaupt, nur wenige Sätze, die der Gattin von Atatürk gewidmet sind. Sie klingen, als sei Latife wie eine große Katastrophe über ihn hereingebrochen. Auch in Biografien von Atatürk ist die Ehe ein blinder Fleck. Dabei teilte Latife das Leben des Staatsgründers in einer Phase der jungen Republik, in der er wichtige Weichen zur Gleichberechtigung von Mann und Frau stellte.

          In der Türkei rasch ein Bestseller

          Die türkische Journalistin Ipek Çalislar wollte es mit Latifes schlechtem Ruf nicht auf sich beruhen lassen: Sie analysierte Memoiren und Autobiographien von Latifes Zeitgenossen und vor allem Korrespondentenberichte ausländischer Journalisten, die in den zwanziger und dreißiger Jahren aus der Türkei berichtet hatten. Das Porträt, das Çalislar auf diese Weise entwirft, ist geradezu verblüffend. Latife, so legt sie in ihrer jetzt auf Deutsch erschienenen Biographie nah - in der Türkei wurde das Buch innerhalb von wenigen Tagen zum Bestseller -, war nicht nur ideengebend für die Reformen des Frauenrechts, sondern auch eine wichtige, vielleicht sogar entscheidende Figur, um die Welt von der Hinwendung der Türkei zum Westen zu überzeugen.

          Als sich Atatürk und Latife im Jahr 1922 in Izmir begegneten, war Latife dreiundzwanzig Jahre alt, Atatürk hatte die Vierzig schon überschritten. Frauen wie Latife gab es damals nur wenige in der Türkei: Nach der teilweise in Großbritannien verbrachen Schulzeit hatte sie an der Sorbonne Jura studiert, sprach mehrere Sprachen fließend, war weltgewandt, belesen und selbstbewusst. Das Paar heiratete im Januar 1923. Und brach - für alle Welt sichtbar - schon bei der Vermählung mit alten Traditionen: Anders als damals üblich, wurde Latife nicht durch einen Vormund vertreten, sondern saß bei der religiösen Zeremonie mit am Tisch, dem Geistlichen direkt gegenüber. Sie wurde persönlich gefragt, ob sie Mustafa Kemal heiraten wolle. Als Brautpreis zahlte dieser eine Summe von zehn Dirhem - ein lächerlich niedriger Betrag, der die Gleichstellung von Mann und Frau symbolisieren sollte.

          Revolution des Geschlechterverhältnisses

          Während der gesamten Ehe zelebrierte das Paar in der Öffentlichkeit einen Umgang miteinander, der einer Revolution des Geschlechterverhältnisses gleichkam. Selbst im modernen Ankara war damals das gesellschaftliche Leben von der sogenannten kaçgöç, der traditionellen islamischen Geschlechtertrennung, bestimmt, und türkische Frauen verhüllten ihre Gesichter. Die unverschleierte Latife hingegen begleitete ihren Mann bei seinen offiziellen Reisen durch die Türkei. Selbstbewusst posierte sie neben Mustafa Kemal für die Presse, arbeitete mit ihm seine Reden aus und sprach vor Publikum über Frauenrechte.

          Ihre Haltung dazu war eindeutig: Frauen sollten ihren Gesichtsschleier ablegen und der Staat Bildung und Religion trennen, um die Stellung der Frau zu stärken. Außerdem unterstützte sie die Ausarbeitung eines Zivilgesetzes, das die nach islamischem Recht mögliche einseitige Scheidung durch den Mann und die Polygamie abschaffen sollte. Latife war die erste Frau in der türkischen Geschichte, die bei einer Sitzung des Parlaments anwesend war. Kamen ausländische Gesandte nach Ankara, dann bewirtete sie die Gäste in Atatürks Haus entgegen der jahrhundertealten Tradition persönlich mit Tee. „Kemal“ nannte sie ihren Mann bei solchen Anlässen, obwohl das Protokoll die Anrede „mein Pascha“ oder „verehrter Pascha“ vorsah.

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