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Arnold Stadlers „Salvatore“ : Weh dir, Fischbach am Bodensee!

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Bild: Verlag

Der passionierte Melancholiker Arnold Stadler hat ein weiteres Sehnsuchtsbuch geschrieben – diesmal eines mit glücklichem Ausgang. „Jede Generation muss ihr Evangelium weiterschreiben“, findet er - und genau das tut er mit „Salvatore“.

          Als könnten wir einfachen Menschen nicht lesen.“ Aus einer Tiefe, aus einem Grab, wenn man es pathetisch will – und hier will es jemand pathetisch –, arbeitet sich ein Aufschrei nach oben, immer kräftiger werdend. Dann bricht er durch die Abdeckung, reißt den halben Berg weg: „Als hätten wir keine Vorstellung und Imaginationskraft. Als bedürften wir der Erklärungen dieser Wildsau-Theologie. Und der Erkenntnisse von solchen, die mit dem Weltbild der Stiftung Warentest ausgestattet sind.“ Mitten in einem Rückeroberungsfeldzug befinden wir uns: Entschlossen marschiert dieser aus Ruinen auferstandene Erzähler in den großen Tempel, jagt Priester und Kaufleute hinaus, all die Experten und Verwalter marktgängiger Metaphysiken.

          Ein seltsames Buch hat der Sehnsuchtsexistentialist Arnold Stadler da vorgelegt. Sein Held ist so ungewöhnlich wie populär, Salvatore, der Erlöser, eine Komplexion aus Jesus Christus und all seinen Nachfolgern: „Sie sehen schon: Dieser Salvatore war ein Theologe, der an den Theologen, und ein Mensch, der an den Menschen gescheitert war.“ Weniger erzählt als reklamiert wird die alte Passionsgeschichte. Poetik und Hermeneutik durchdringen einander, auch wenn das Buch narrativ daran zerbricht. Als Roman beginnt es, wandelt sich dann zum Bibelkommentar mit einer entscheidenden Brechung, denn es geht um das (Matthäus-)Evangelium nach Pasolini – dessen Verfilmung „Il Vangelo secondo Matteo“ von 1964 gilt dem Erzähler als kongenial. Schließlich läuft „Salvatore“ in einen kunsthistorischen Essay aus.

          Eine Frechheit von Plot, ein Heldenepos

          Hoch verschuldet ist der geradezu exhibitionistisch ehrliche, in Norddeutschland lebende Held des ersten Teils, wobei der Zusammenhang von Schulden und Schuld – beides macht den Träger negativ wertvoll – sogleich hergestellt wird. Eine wackelige Brücke führt in den Mittelpart: Während einer Reise sieht sich Salvatore am Himmelfahrtstag, heute nur noch Vatertag, Pier Paolo Pasolinis Film an. Eine entfernte Erinnerung hat er an dieses Heldenepos, denn viele seiner kalabresischen Verwandten haben daran mitgewirkt, von Pasolini als Statisten ausgesucht (erwählt) vielleicht sogar wegen ihrer Beziehungen zur Mafia. Der dritte Teil, nun in Ich-Perspektive, steht handlungstechnisch isoliert da.

          Es ist unendlich leicht, dieses Buch mit seiner Frechheit von Plot für unausgegoren zu halten. Doch zu schnell sollte man bei einem der virtuosesten Erzähler deutscher Sprache nicht urteilen. Etwas allerdings ist diesmal in der Tat anders als bisher: Den Büchnerpreisträger von 1999 liebt man für seinen melancholisch-lakonischen Ton, ganz besonders für seine gnadenlose, im Gegensatz zu dem oft als Vorbild bemühten Thomas Bernhard eher reduktionistische Komik. Stadler würzt seine Texte gerne mit hingegrunzter Dorfterminologie wie „Sackgeld“ oder „Höhenfleckvieh“, kostet das assoziative Potential von Ortsnamen wie „Schwackenreute“ oder „Hotzenwald“ durch litaneihafte Wiederholungen aus, erwähnt ganz nebenbei, dass im Wappen der Familie Wurst eine Wurst prangt. Unvergessen, wie er, selbst aus Meßkirch stammend, Heidegger geerdet hat, indem er in „Mein Hund, meine Sau, mein Leben“ dessen noch viel seinsverwurzelteren Viehhändler-Vetter vorschickte.

          Dieser Arnold Stadler also ist es nicht, der uns hier begegnet. Es ist vielmehr jener, den die Literaturkritik nur in Kauf nahm: der entblößte Confessor, Ecce auctor. Seine Katholizismusobsession wollte man gerne als Spleen sehen, als Kauzigkeit, an welcher sich Lakonie und Wortwitz entzünden konnten. Aber die Suche nach Heilsgewissheit, die gigantische Sehnsucht, das „Dazugehörigkeitsverlangen“, bildet doch den Glutkern von Stadlers Schaffen. Nun kommt sie zu sich selbst: Das neue Werk verzichtet nahezu vollständig auf Komik. Nahezu: Wie ein Abschiedsgruß wirkt eine kleine Szene, in der Salvatore einen weißhaarigen Greis, dem er in einem Anfall von Darwinismus die Parkbank weggeschnappt hat, zwanghaft für Johannes Heesters hält.

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