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„Eure Heimat ist unser Albtraum“ : Nervt, bitte!

Die Herausgeberinnen der Anthologie „Eure Heimat ist unser Albtraum“ Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah Bild: Valerie-Siba Rousparast

„Eure Heimat ist unser Albtraum“: Vierzehn Publizisten und Autoren, die oft nur über die Länder ihrer Eltern, ihrer Großeltern schreiben sollen, widmen sich einem sehr deutschen Begriff.

          Ja, Ausländer und Kinder von Ausländern nerven, nerven auch Ausländer wie mich. Die Unbekannten, die zu laut Italienisch sprechen in der Bahn. Die Freunde, die orientalisch spät zum Essen kommen. Und die Verwandten, die zu viel kochen, streiten, trinken. Überall nerven sie. Fast überall. Nur nicht im Journalismus, denn dort sind sie – die Ausländer, Migranten, Einwanderer, Flüchtlinge, Aussiedler – Ausnahmen, sind selten Redakteure. Sie schreiben, sprechen meistens dann, wenn deutsche Redakteure was übers Kopftuch wissen wollen und über Erdog˘an und Putin und andere Mächtige aus ihren alten Heimatländern oder den Heimatländern ihrer Eltern.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch jetzt erscheint ein Buch, das anderes zeigt. Da schreiben vierzehn Publizisten, Schriftsteller, Autoren, die nicht Matthias, Ronja, Hannes heißen, deren Familien aus Russland kommen, aus der Türkei, Korea, Polen und aus anderen Ländern, oder die die Schoa überlebten. Sie schreiben über Deutschland, und schon der Titel schlägt Deutschen ins Gesicht. „Eure Heimat ist unser Albtraum“, sagt das Cover.

          Noch vor dem Lesen ist das Ausländerherz ausländisch-warm, -gespannt, und -glücklich. Ja, dieses Buch ist jetzt der Anfang vom Ende deutscher Clans in Medien, der Anfang vom Ende dieser Parallelgesellschaft, sagt das Herz dann „Tausendundeine Nacht“-haft übertrieben.

          Doch schon nach einer Seite schreit auf einmal der Deutsche im Ausländer, zumindest der in mir. Denn die Herausgeberinnen Hengameh Yaghoobifarah und Fatma Aydemir schreiben im Vorwort die falsche, böse Frage: „Will ich in einer Gesellschaft leben, die sich an völkischen Idealen sowie rassistischen, antisemitischen, sexistischen, heteronormativen und transfeindlichen Strukturen orientiert?“ Will keiner! Das denkt der Deutsche im Ausländer, denkt auch: Und dieses Land ist wirklich nicht so schlimm.

          Er schreit und spuckt mich an

          Dann aber ist ein Tag im Januar in diesem Jahr im Kopf: normales Warten auf die Tram, dazu ein Streit am Telefon mit den ausländischen Verwandten – ja, in der Lautstärke von Italienern. Und dann ein Mann, ganz gut gekleidet, der plötzlich schreit. „In Deutschland spricht man Deutsch“, schreit er und spuckt mich an. Die anderen, die auch warten, schauen weg. So eine Szene ist gewöhnlich, für viele Fremde Alltag. Deshalb doch der Gedanke: Vielleicht haben sie, die Heimathasser, auch ein bisschen recht.

          Der erste Essay aber, geschrieben von Sasha Marianna Salzmann, macht den Kopf wieder rot und schwer und wütend. Das liegt nicht daran, dass die Dramatikerin und Romanautorin über eine Welt schreibt, die exklusiv und klein und schön ist. Dort leben ihre Mitbewohner Yazan und Mazen, Muslime, Syrer, die Salzmanns Mutter, sie ist Jüdin, einen Davidstern besorgen wollen, weil sie einen will und keinen findet. Sie sind zwar hetero, gehen jedoch in einen Schwulenclub zum Tanzen. Sind klar keine Antisemiten, keine Homophoben. Und ja, es gibt die Engel unter Fremden, unter Deutschen. Und ja, es wäre schön, wenn alle wären wie Yazan und Mazen. Dann hätte Deutschland kein Problem. Das hat es aber, weil hier auch Menschen wie Sasha Marianna Salzmann leben.

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