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„Hype Machine“ : Die Tyrannei der Trends

Wie wirken sich die noch jungen sozialen Netzwerke aus auf uns? Ein neues Forschungsfeld ist eröffnet. Bild: Reuters

Wahlen im Facebook-Zeitalter: Der MIT-Forscher Sinan Aral legt eine Analyse sozialer Medien vor, die Standards setzt.

          4 Min.

          Sinan Aral ist Großes gelungen. Nein, auch er weiß nicht, ob die nie dagewesene kommunikative Vernetzung aller mit allen letztlich verheißungsvoller Fortschritt oder gravierende Gefährdung ist. Nein, auch er kennt nicht den Ausgang des techno-sozial-kommerziellen Experiments, das über millionenfach permanent genutzte Online-Dienste wie Facebook, Whatsapp, Instagram oder Twitter in Echtzeit exerziert wird.

          Alexander Armbruster
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Und nein, auch er kann nicht sagen, ob Mark Zuckerberg im Nachhinein mehr moderner Held oder Anti-Held gewesen sein wird. Einfache Antworten gibt es schon gar nicht bei einer Thematik, bei der es schon schwer ist, sinnstiftende Frage zu stellen.

          Was Sinan Aral dafür erbracht hat, ist indes die wohl umfassendste und am besten strukturierte Darstellung der Wirkungsweise sozialer Medien auf Basis bislang vorliegender wissenschaftlicher Untersuchungen und kollektiv gemachter Erfahrungen. Gut verständlich geschrieben ist sie obendrein.

          Aral forscht und lehrt am MIT in Boston, er ist Akademiker, arbeitete schon mit nahezu allen namhaften Tech-Unternehmen zusammen, gründete selbst Internetfirmen mit, den Dienst „Humin“ zum Bespiel, den er im Jahr 2016 an die Dating-Plattform Tinder verkaufte. Ungefähr zwanzig Jahre andauernde Forschung und persönliche Erfahrungen als Geschäftsmann hat er nun in ein Buch gepackt unter dem Titel „The Hype Machine – How Social Media Disrupts Our Elections, Our Economy and Our Health – and How We Must Adapt“. Der Titel verspricht, was das Buch auch hält.

          Wahlbeeinflussung und Erdbebenhilfe

          Als Hype-Maschine bezeichnet Aral dabei zunächst knapp jenes Kommunikations-Ökosystem, das die gegenwärtigen sozialen Medien etablieren. Er beschreibt ausführlich, woraus es besteht, wie es funktioniert und wo sich das besonders eindrücklich zeigte, im Positiven wie im Negativen. Er legt beispielsweise dar, was bislang bekannt ist darüber, wie der russische Staat vor der Annexion der Krim-Halbinsel erfolgreich online die Stimmung so beeinflusste, dass es Außenstehenden tatsächlich so vorkommen musste, als handle es sich dort um eine stark polarisierte Gesellschaft, in der verschiedene Meinungen ungefähr gleichstark vertreten einander gegenüberstanden.

          Er thematisiert, welchen Einfluss Moskau auf die zurückliegenden amerikanischen Präsidentenwahlen wohl genommen hat (und welchen nicht). Er erinnert an den sogenannten „Hack Crash“ im Jahr 2013, als syrische Cyberkriminelle den Twitter-Account der Nachrichtenagentur AP infiltrierten und darüber einen Anschlag im Weißen Haus verbreiteten – eine Nachricht mithin, die sich innerhalb allerkürzester Zeit zigtausendfach verbreitete und in Sekunden einen dreistelligen Milliardenbetrag am amerikanischen Aktienmarkt vernichtete.

          Bild: F.A.Z.

          Und er zeichnet auf der anderen Seite nach, wie etwa über Facebook für Erdbebenopfer in Nepal schnell mehr Hilfe mobilisiert werden konnte, als die großen Industrieländer bereitstellten. Natürlich fehlt auch die Coronavirus-Pandemie nicht, in der ebendiese vielfach verteufelten Netzwerke dafür sorg(t)en, dass sich auch isolierte Menschen weiter mit ihren Freunden und Familien austauschen und vieles einander mitteilen können, weit mehr als simple Nachrichten.

          Die Pandemie gilt bisweilen schon als ein weiterer Wendepunkt in der allgemeinen Wahrnehmung des Mitmach-Internets und der dieses wesentlich tragenden Unternehmen – womöglich ähnlich wie der sogenannte Arabische Frühling, der einst dazu führte, in Facebook & Co ein Vehikel zu sehen, mit dessen Hilfe sich Autokratien rund um den Globus schleifen lassen sollten, oder dann die amerikanischen Präsidentenwahlen im Jahr 2016 und die Abstimmung über den EU-Austritt Englands, infolgedessen die Netzwerke vornehmlich als Datenschutz verachtende Hassverstärker und Hetzehelfer in die Kritik gerieten.

          Arals episodenhafte Ausführungen signalisieren, dass hier ein Autor nicht mit einfach gestrickter Technikkritik in der Art etwa eines Richard David Precht punkten möchte. Sondern dass eine solide Bestandsaufnahme und Erläuterung das Ziel ist.

          Vier Bereiche für Handlungsbedarf

          Differenziert und vorsichtig geht es zu in diesem Buch, nicht schrill, stupide anklagend oder so hochemotional, so dass sich sein Autor massenhafter Likes oder Retweets von Online-Leserscharen sicher sein könnte. Dafür erfährt der Leser, was eigentlich hinter diesen geschickt designten Internet-Feedback-Mechanismen steckt. Wieso sie sich so gut eignen, um das flüchtig-fluktuierende Nutzerinteresse zu erregen und zu binden, wahrscheinlicher zu machen, dass auch anonyme Anwender regelmäßig zurückkehren.

          Ein ganzes Kapitel widmet Aral dabei übrigens auch den neurologischen Zusammenhängen, die dafür eine Rolle spielen. Er führt in die Grundsätze des Online-Marketings ein, der Aufmerksamkeits-Ökonomie, er erklärt, was daraus folgt, dass Algorithmen Populäres überproportional befeuern, wieso wir dadurch immer mehr unter einer „Tyrannei der Trends“ leiden.

          Aus seiner Analyse schließt Aral selbst, dass Handlungsbedarf besteht. Vier Bereiche identifiziert er, die wir anpassen können und müssen: die finanziellen Anreize in der Netzwirtschaft, die damit teils zusammenhängenden in den Programmierungen steckenden Wertvorstellungen, das ganz persönliche Nutzerverhalten und schließlich der gesetzliche Rahmen. Tatsächlich ist die finale Abhandlung darüber, was nun zu tun ist, der schwächste Teil seines Buches. Er diskutiert breit, warum Falschnachrichten oder Extremismus nicht verschwänden, wenn Facebook zerschlagen würde. Er stellt detailliert dar, warum Kartellverfahren vermutlich äußerst langwierig und darum wenig zielführend sind. Er beschreibt, wo der Knackpunkt in der Vorstellung liegt, jeder müsse einfach sein gesamtes Profil jederzeit abrufen und gleichsam „mitnehmen“ können zu einem anderen Netzwerk – nein, das ist eben nicht vergleichbar damit, die eigene Telefonnummer zu einem alternativen Anbieter mitzunehmen.

          Durchaus nützlicher findet Aral, Nachrichten möglicherweise nach bestimmten Güteklassen zu markieren, was wiederum die Unternehmen heute schon teilweise tun. Eine wirklich konkrete Handlungsempfehlung ergibt sich bei ihm indes daraus nicht.

          Stattdessen kommt auch er bloß zu dem banalen Hinweis, dass es so etwas wie einen einfachen Drei-Punkte-Plan, um alle unerwünschten Effekte der Online-Kommunikationsumgebung zu beseitigen, schlicht nicht gibt. Gleichwohl bleibt das Buch ein guter Ausgangspunkt für diese so eminent wichtige Debatte – einer der besten, die wir derzeit haben.

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