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„Hype Machine“ : Die Tyrannei der Trends

Wie wirken sich die noch jungen sozialen Netzwerke aus auf uns? Ein neues Forschungsfeld ist eröffnet. Bild: Reuters

Wahlen im Facebook-Zeitalter: Der MIT-Forscher Sinan Aral legt eine Analyse sozialer Medien vor, die Standards setzt.

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          Sinan Aral ist Großes gelungen. Nein, auch er weiß nicht, ob die nie dagewesene kommunikative Vernetzung aller mit allen letztlich verheißungsvoller Fortschritt oder gravierende Gefährdung ist. Nein, auch er kennt nicht den Ausgang des techno-sozial-kommerziellen Experiments, das über millionenfach permanent genutzte Online-Dienste wie Facebook, Whatsapp, Instagram oder Twitter in Echtzeit exerziert wird.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Und nein, auch er kann nicht sagen, ob Mark Zuckerberg im Nachhinein mehr moderner Held oder Anti-Held gewesen sein wird. Einfache Antworten gibt es schon gar nicht bei einer Thematik, bei der es schon schwer ist, sinnstiftende Frage zu stellen.

          Was Sinan Aral dafür erbracht hat, ist indes die wohl umfassendste und am besten strukturierte Darstellung der Wirkungsweise sozialer Medien auf Basis bislang vorliegender wissenschaftlicher Untersuchungen und kollektiv gemachter Erfahrungen. Gut verständlich geschrieben ist sie obendrein.

          Aral forscht und lehrt am MIT in Boston, er ist Akademiker, arbeitete schon mit nahezu allen namhaften Tech-Unternehmen zusammen, gründete selbst Internetfirmen mit, den Dienst „Humin“ zum Bespiel, den er im Jahr 2016 an die Dating-Plattform Tinder verkaufte. Ungefähr zwanzig Jahre andauernde Forschung und persönliche Erfahrungen als Geschäftsmann hat er nun in ein Buch gepackt unter dem Titel „The Hype Machine – How Social Media Disrupts Our Elections, Our Economy and Our Health – and How We Must Adapt“. Der Titel verspricht, was das Buch auch hält.

          Wahlbeeinflussung und Erdbebenhilfe

          Als Hype-Maschine bezeichnet Aral dabei zunächst knapp jenes Kommunikations-Ökosystem, das die gegenwärtigen sozialen Medien etablieren. Er beschreibt ausführlich, woraus es besteht, wie es funktioniert und wo sich das besonders eindrücklich zeigte, im Positiven wie im Negativen. Er legt beispielsweise dar, was bislang bekannt ist darüber, wie der russische Staat vor der Annexion der Krim-Halbinsel erfolgreich online die Stimmung so beeinflusste, dass es Außenstehenden tatsächlich so vorkommen musste, als handle es sich dort um eine stark polarisierte Gesellschaft, in der verschiedene Meinungen ungefähr gleichstark vertreten einander gegenüberstanden.

          Er thematisiert, welchen Einfluss Moskau auf die zurückliegenden amerikanischen Präsidentenwahlen wohl genommen hat (und welchen nicht). Er erinnert an den sogenannten „Hack Crash“ im Jahr 2013, als syrische Cyberkriminelle den Twitter-Account der Nachrichtenagentur AP infiltrierten und darüber einen Anschlag im Weißen Haus verbreiteten – eine Nachricht mithin, die sich innerhalb allerkürzester Zeit zigtausendfach verbreitete und in Sekunden einen dreistelligen Milliardenbetrag am amerikanischen Aktienmarkt vernichtete.

          Bild: F.A.Z.

          Und er zeichnet auf der anderen Seite nach, wie etwa über Facebook für Erdbebenopfer in Nepal schnell mehr Hilfe mobilisiert werden konnte, als die großen Industrieländer bereitstellten. Natürlich fehlt auch die Coronavirus-Pandemie nicht, in der ebendiese vielfach verteufelten Netzwerke dafür sorg(t)en, dass sich auch isolierte Menschen weiter mit ihren Freunden und Familien austauschen und vieles einander mitteilen können, weit mehr als simple Nachrichten.

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