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Jelinek-Hörspiel über Trump : Miss Piggy heißt die blinde Seherin

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Wie blind darf Macht sein? Und ist Donald Trump etwa ebenso blind wie „Richard II.“, den Veit Schubert 2010 in Wien für Claus Peymann spielte? Bild: Reuters

Elfriede Jelinek und Donald Trump: Karl Bruckmaier hat ihr Stück „Am Königsweg“ als Hörspiel originell inszeniert. Und die Sprechrollen interessant besetzt – zum Beispiel mit einer sehr bekannten Synchronstimme.

          „Nein, jetzt ist er drinnen.“ Die Stimmen sind gezählt, es ist gerechnet worden – alles hat schon stattgefunden. Das Ungeheuerliche ist geschehen, aber es ist noch nicht vergangen. Er ist immer noch da, und man weiß noch nicht, ob das eigentlich Historische schon passiert ist oder noch vor uns liegt. „Was haben wir getan?“, fragen sich diejenigen, die den Augenblick miterlebten. Waren sie etwa blind?

          Klar. Alle wissen, um wen es geht, wer hier gewählt wurde. Dafür muss man den Teufel nicht beim Namen nennen. Es ist Donald John Trump, Immobilienmogul, Reality-TV-Star und seit Januar 2017 der 45. Präsident der Vereinigten Staaten. Als im vorigen November das Wahlergebnis feststand, waren viele schockiert, auch Elfriede Jelinek. Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin entschloss sich, ihre Empfindungen über diesen Moment in Worte zu fassen.

          Stellvertreter moderner Monarchen

          Mit dem Schreiben an ihrem, nun unter dem Titel „Am Königsweg“ veröffentlichten Stück habe sie bereits an ebenjenem schicksalhaften Wahlabend angefangen. In ihrer Wohnung in Wien-Hütteldorf begann sie, die amerikanischen Befindlichkeiten in einen geradezu vor Metaphern strotzenden Text zu packen. Das Resultat gibt es jetzt als Hörspiel: Der Bayerische Rundfunk nahm Jelineks Stück unter der Regie von Karl Bruckmaier auf.

          Jelinek bedient sich darin eines breiten Referenzrahmens und entweicht von der harschen Realität ins Absurd-Komische, ohne dabei die wenig komische Intention aus den Augen zu verlieren. Dreizehn Sprecher kommen zu Wort, darunter eine blinde Seherin, die von Christian Gaul gesprochen wird, der deutschen Synchronstimme der Miss Piggy. Und wenn die Charaktere von Machthabern fabulieren, sprechen sie eben nicht von Präsidenten, schon gar nicht von denen der Vereinigten Staaten, sondern von Königen, die als Stellvertreter für die Präsidenten, die modernen Monarchen, fungieren.

          Könige? Blinde Seher? Da denkt man schnell an Teiresias aus der griechischen Mythologie, das Thema Blindheit ist ja ebenfalls alles andere als ein Novum im Theater: Und ein Paradeexempel hier ist da sicherlich das Stück um König Ödipus von Sophokles, der sich erst blendete und dann die Augen ausstach.

          Wenn die Wahrheit umfällt

          In Elfriede Jelineks Text wird Blindheit eher im übertragenen Sinn verstanden: „Sie werden hören, wie die Wahrheit umfällt ... Sie werden sie nicht mehr sehen können, weil sie blind sind“, heißt es da. Für Elfriede Jelinek ist das Volk blind, geblendet von einem König, der erkannt hat, wie er sich Macht verschafft und diese zu erhalten vermag.

          Auch zu Trumps Umgang mit Medien und den „alternativen Fakten“ hat Jelinek einen Kommentar parat, der sich durch Blindheit erklären lässt: „Der König hat alle Blindheit aufgekauft, weil er deren Vorteile gesehen hat. Einem Blinden glaubt man ja alles, weil er die Wahrheit nie kennenlernt. Stammt dies alles aus seinem Hirn? Oder ist das die Erfindung eines anderen?“ Hier wird auf Trump als einen Fachfremden in der Politik Bezug genommen, der nicht gerade unempfänglich ist für Einflüsse von außen. Wie viele seiner Aussagen stammen von ihm, wie viele von politischen Beratern?

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