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: Verborgene Schärfe einer stumpfen Waffe

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          4 Min.

          Ginge es nach dem bloßen Wunsch, verlöre das demographische Problem bald von seiner Schärfe. Waren es nach einer Studie des Allensbacher Instituts im Jahr 2008 dreiundvierzig Prozent der Kinderlosen, die sich Nachwuchs wünschten, so stieg die Zahl im folgenden Jahr auf zweiundfünfzig. Dass der gewachsene Familiensinn bisher ohne Folgen bleibt und die Geburtenrate weiter bei mageren 1,4 stagniert, deutet neben der zeitlichen Verzögerung zwischen Wunsch und Verwirklichung auf ein strukturelles Defizit hin. Bei der Abwägung der Bedingungen rückt der Kinderwunsch wieder in die Ferne.

          Der Umstieg zur doppelten Berufstätigkeit ist eine der Hauptursachen für den kontinuierlichen Schwund. Er macht den Kinderwunsch auch zu einer Kostenrechnung, die Verdienstausfall und Karriererückschritt einkalkulieren muss. Mütter bringt das häufig in die Zwangslage, als Berufstätige mit dem bleibend virulenten Stigma der Rabenmutter zu leben oder als Hausfrau den subtilen Druck zu spüren, durch übereifrige Kinderbetreuung die fehlenden beruflichen Leistungsnachweise nachzureichen. Die kurzen Rhythmen der mobilen Arbeitswelt verstärken die Reserve vor langen Festlegungen, wie sie ein Kind bedeutet. So kommt es, dass die fruchtbarste Phase des Lebens zwischen 25 und 35 Jahren oft ausgelassen und der Kinderwunsch bis zur beruflichen Konsolidierung vertagt wird. Dann kann es zu spät sein.

          Die Familienpolitik hat in den vergangenen Jahren einige größere Reformen auf den Weg gebracht, die sich aber noch nicht in einem Geburtenanstieg niedergeschlagen haben: vom Ausbau von Kita- und Kindergartenplätzen über das einkommensabhängige Elterngeld bis zur Elternzeit. Es sind Reformen, die Zeit brauchen, ihre Wirkung zu entfalten. Der Zweifel an ihrer Effizienz hat aber auch mit traditionellen Vorbehalten gegenüber der Wirksamkeit von Familienpolitik zu tun, in die in Deutschland das Erbe der nationalsozialistischen Pronatalitätspolitik hineinspielt. Das Kanzlerwort von "Familie und Gedöns" steht in einer langen Tradition. Die Wissenschaft äußerte sich bisher widersprüchlich bis skeptisch über die Wirksamkeit familienpolitischer Anreize.

          Umso überraschender, dass der Heidelberger Politikwissenschaftler Martin Bujard jetzt eine Untersuchung vorgelegt hat, die in ungekannter Eindeutigkeit für die Durchschlagskraft familienpolitischer Maßnahmen eintritt ("Geburtenrückgang und Familienpolitik. Ein interdisziplinärer Erklärungsansatz und seine empirische Überprüfung im OECD-Länder-Vergleich 1970-2006". Nomos Verlag 2011). Die gleichzeitig sehr weit und detailliert angelegte Studie untersucht im Vergleich von 28 OECD-Staaten den Einfluss von 51 Faktoren auf die Geburtenrate über vierzig Jahre hinweg bis fast in die Gegenwart. Das weite Objektiv bringt auch die Bedeutungsdrift einzelner Faktoren in den Blick, die sich bisherigen Querschnittsanalysen entzog.

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