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Roman „Finale Berlin“ : Empörungsreporter in der Albtraumwelt

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Trümmer einer Stadt: Heinz Rein beschreibt in seinem Roman das Kriegsende 1945. Blick auf das zerstörte Propagandaministerium am Wilhelmsplatz, Berlin Bild: Picture-Alliance

Heinz Reins wiederentdeckter Roman „Finale Berlin“ ist voller schauerlicher Szenen. Neben Kempowskis „Echolot“ schildern wohl nur wenige Bücher so beklemmend das Kriegsende 1945.

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          Die Expressionisten haben „stürzende Städte von Stahl“ imaginiert. Heinz Rein übernimmt ihren Sprachgestus für die Beschreibung des zerbombten, zerschmetterten Berlins, und mischt ihn mit der gierigen Sachlichkeit des Reporters. Man liest gebannt: die brennende Stadt, über der Rauchwolken wie eine dunkle Wetterwand hängen, die kollabierenden Ruinen und die gewaltigen Schutthaufen, auf denen Kinder wie „Bergziegen“ klettern, die gespenstische Lautlosigkeit in den zerstörten Straßen, die Stimmung in stickig-verstunkenen Luftschutzkellern, wo die Menschen in Todesangst dicht beieinanderhocken. Bei der Lektüre hat man das Pfeifen der Bomben und das Rasseln der Panzerketten in den Ohren.

          Es sind schauerliche Szenen, wenn die SS-Männer Häuser durchkämmen, auf der Suche nach „Feiglingen“ und „Verrätern“, die zur Einschüchterung an Laternenpfähle gehängt werden. Die Mord- und Vergeltungslust vor der Niederlage war notorisch und fühlte sich legitimiert durch den in Gaunersprache verfassten Hitlerbefehl, wonach jeder, der einen Rückzug anordne, „augenblicklich umzulegen“ sei.

          Helden und Drachentöter

          Wie Hans Falladas Weltbestseller „Jeder stirbt für sich allein“ ist Heinz Reins „Finale Berlin“ eine große Wiederentdeckung. Beide Romane erschienen 1947: furiose, umfangstarke, in unerhörter Schnelligkeit niedergeschriebene Antworten auf die Katastrophe. Wie Fallada schildert Rein das nationalsozialistische Deutschland als Albtraumwelt, in welcher der Terror am Ende jeden treffen kann. Eindringlich vermittelt sein Roman die Atmosphäre des allgegenwärtigen Misstrauens und der Angst: Jederzeit können Luftschutzwarte, Amtswalter und andere systemtreue Gestalten auftauchen, um „Defätisten“ und „Pessimisten“ zur Rechenschaft zu ziehen. Der Nationalsozialismus, der die Menschen „zu Helden und Drachentötern“ zu erziehen versprach, hat eine Gesellschaft der Verschreckten und Geduckten hervorgebracht. Heinz Rein, 1906 in Berlin geboren, vor 1933 Sportreporter, wurde aufgrund seiner linken politischen Haltung im „Dritten Reich“ mit einem Schreibverbot belegt und lernte selbst Gestapohaft und Zwangsarbeit kennen.

          Als „auf Papier gedrehten Film“ bezeichnet Fritz J. Raddatz den Roman. Ihm verdanken wir die Neuausgabe; das mit Verve geschriebene Nachwort des im Februar Verstorbenen ist einer seiner letzten Texte. Raddatz erlebte selbst als Vierzehnjähriger das „Finale“ in Berlin, und er versieht Reins Beschreibungen mit dem Gütesiegel der Authentizität. Dennoch führt die Film-Metapher, die bei modernen Berlin-Romanen immer naheliegt, halb in die Irre. Zwar ist der Roman von beeindruckender Anschaulichkeit, und seine lose geknüpfte Dramaturgie bedient sich mal gekonnt, mal kolportagehaft der Effekte des Spannungskinos. Über weite Strecken aber ist „Finale Berlin“ ein romanhafter Diskurs über den Nationalsozialismus, geprägt von der Dringlichkeit des ersten Nachkriegsjahrs, unmittelbar befeuert von Wut und Schrecken.

          Tonspur der immer grelleren Lüge

          Von Kahlschlag und amerikanischer Lakonik, die kurz darauf stilbildend wurden, findet man hier noch keine Spur. Angesichts der Greuel verstummen? Keineswegs. Es ist, als würde all das Unsagbare, Verschwiegene, heimlich Gedachte in den letzten Kriegswochen die Panzerung durchbrechen. In jeder Situation führen die Figuren grundsätzliche Gespräche, über die nationalsozialistische Erziehung, die Verheißungen des Herrenmenschentums, das Elend der Mitläufer, die Möglichkeiten des Widerstands oder die lässige Sexualmoral in Kriegszeiten. Ob solche Debattenfreudigkeit angesichts der permanenten Bedrohung realistisch ist, mag dahingestellt sein, sie gibt dem Roman jedenfalls ein interessantes Aroma des politischen Bildungsromans.

          Die Hauptfigur, der zweiundzwanzigjährige Deserteur Joachim Lassehn, hat nicht zufällig den Zuschnitt von Helden des deutschen Bildungsromans seit dem „Wilhelm Meister“: ein junger Mann, der an seiner Zeit leidet, sich nicht einfügt in die militärische Konformität, Einzelgänger bleibt, ein Musikstudent, ein romantischer, sehnsüchtiger Geist. Seiner Truppe eher zufällig als willentlich entronnen, hat er bei der Rückkehr nach Berlin auf der Suche nach Zuflucht das Glück, unter die Fittiche einer Art antinazistischen Turmgesellschaft zu geraten. In einer Kneipe finden konspirative Treffen statt, unbeugsame Männer wie der Arzt Dr. Böttcher und der Widerstandskämpfer Wiegand werden zu Lassehns Mentoren. Und sie planen Sabotageakte, die sinnloses Weiterkämpfen verhindern sollen.

          Zahlreiche Dokumente fügt Rein in den Romantext ein: Goebbels-Reden, Hitler-Verlautbarungen, Leitartikel aus dem „Völkischen Beobachter“, Durchhalte-Appelle des „Panzerbären“ (des „Kampfblatts für die Verteidiger Groß-Berlins“), dazu die Wehrmachtsberichte, die das Desaster bis zum letzten Tag schönreden. Manche Kapitel geraten dabei vielleicht ein wenig zu sehr zur Presseschau, aber diese Tonspur der immer grelleren Lüge ist ein wichtiges Kontrastmittel in der rhetorischen Dramaturgie des Romans.

          Erziehung zur Unmenschlichkeit

          Manches hat der „Empörungsreporter“ Rein (Fritz J. Raddatz) wohl mit zu eiliger Feder geschrieben. Kamen in der Schlacht um Berlin tatsächlich noch Stukas zum Einsatz? Die Flutung des Nord-Süd-Tunnels der S-Bahn wird vom 2. Mai auf den 25. April verlegt und als apokalyptische Katastrophe beschrieben, als perfider Massenmord an den vielen Menschen, die dort Zuflucht vor den Kämpfen suchen. Aber bis heute ist umstritten, ob durch die Flutung überhaupt Menschen umkamen. Die Sprachmacht, die Rein bei solchen Beschreibungen, ob verbürgt oder nicht, jederzeit zur Verfügung steht, versagt im Übrigen bei den schwülstig geratenen Liebesszenen.

          Der Roman ist nicht zuletzt die Klage über eine „verlorene, verlassene, verratene Jugend“. Erziehung zur Unmenschlichkeit, gewollte Verrohung, die Verhaltenslehren der Kälte und Mitleidlosigkeit – gerade der Humanist Wiegand muss erleben, wie sich sein Sohn unter dem Einfluss der nationalsozialistischen Pädagogik früh vom Elternhaus distanziert und schließlich zum SS-Überzeugungstäter wird. Die Nazi-Jugend wandte sich mit der Selbstherrlichkeit eines Epochenwendegefühls ab von der „Spießigkeit“ und „Bedenkenträgerei“ ihrer bürgerlichen Eltern.

          Die Reize des Nationalsozialismus, für die nicht nur stupide Kleinbürger, „Lumpenproletarier“ und andere Deklassierte empfänglich waren, werden aufgrund der kämpferischen antinazistischen Haltung des Romans allerdings nur am Rand erkennbar. Wie war es möglich, dass eine Mehrheit der Deutschen die Zeit nach 1933 als euphorisierende Epoche des Aufschwungs und der Dynamisierung empfand? Solche Fragen lassen sich aus der Perspektive des April 1945 nicht beantworten. Aber es dürfte, von dokumentarischen Werken wie Walter Kempowskis „Echolot“ abgesehen, nur wenige Bücher geben, die so intensiv und beklemmend das Inferno des Kriegsendes vergegenwärtigen. „Finale Berlin“ hat jetzt seinen festen Platz in der Geschichte der deutschen Literatur.

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