https://www.faz.net/-gqz-qhdw

Rezension: Sachbuch : Zwiebelchen im Nabel

  • Aktualisiert am

Casanova und Frau Allende à la carte / Von Martin Mosebach

          Er ist groß und gebaut wie Herkules, aber er hat einen afrikanischen Teint, lebhafte Augen, voll Wahrhaftigkeit, die stets seine Reizbarkeit, Unruhe oder seinen Groll spiegeln und ihm ein etwas wildes Aussehen geben. Er lacht wenig, aber er bringt die anderen zum Lachen." Dieses in seiner Knappheit an der großen literarischen Porträtkunst des achtzehnten Jahrhunderts geschulte Bildnis Casanovas, das der Freund seiner späten Jahre, der Prince de Ligne, entworfen hat, ist sehr viel ausdrucksvoller als der kleine Kupferstich, der gewöhnlich reproduziert wird und einen bis zur Fleischlosigkeit mageren, schmallippigen Vogelkopf mit seltsam hart gezwirbeltem Zopf zeigt. Was mag Anton Raphael Mengs, einen der größten Porträtisten seiner Zeit, daran gehindert haben, Casanova, den er gut kannte, in die Reihe seiner immer noch viel zuwenig beachteten Pastellporträts aufzunehmen?

          Giacomo Casanova ist durch die vielbändige Geschichte seines Lebens einer der großen Schriftsteller der Weltliteratur geworden; er hat das stilistische Zauberkunststück vollbracht, nüchtern und sparsam wie ein Kupferstich zu schreiben und im Leser dennoch die Vorstellung zu erzeugen, er habe ein überreich koloriertes Ölgemälde betrachtet. Das allerreichste erzählerische Panorama wird entfaltet gegen Ende einer Epoche von künstlerisch überaus segensreichen Konventionen: Was brauchte damals alles nicht beschrieben zu werden, ohne daß die Vollständigkeit des Bildes gelitten hätte! Der Reisende liefert keine Landschaftsbeschreibungen und keine Städteporträts, keine Wolkenformationen, Sonnenaufgänge und Regenfälle, keine Stimmungen und Gerüche, keine Stilleben, keine Kunst, keine Träume und keine Musik.

          Um die Nacktheit von Casanovas Stil richtig zu begreifen, genügt es, etwa Hofmannsthals Romanfragment "Andreas oder Die Vereinigten" aufzuschlagen, die Erzählung eines Casanova-Bewunderers, die aus allem, was Casanova nur zwischen den Zeilen sagt, Sprache und Atmosphäre zu gewinnen sucht und den verführerischen und verzauberten Duft des Unausgesprochenen und dennoch so stark Vorhandenen einfangen und gleichsam auf Flaschen ziehen will. Es ist, als reihe Hofmannsthal sich in die lange Reihe der Damen ein, die ein Leben damit zubrachten, nach einem blitzartigen Zusammentreffen mit Casanova darüber nachzudenken, was ihnen da geschehen war. Leidenschaftslos und geschliffen berichtet der Abenteurer über mehrere Jahrzehnte zurückliegende Ereignisse. Aber nicht die Abgeklärtheit des Alters kommt in dieser Tonlage zum Ausdruck, sondern die Nichtachtung der verstrichenen Zeit: der jugendliche und der reife Casanova sind dieselbe Person, von mythischer Alterslosigkeit in einer ewigen Gegenwart zu Hause. Und nur die Gegenwart zählte für ihn: die Frau, mit der er sich gerade beschäftigte, wußte, daß es nichts gab, was in diesem Augenblick wichtiger war als sie - kein Plan, kein Risiko, keine Lebensgefahr, kein Geldverlust, kurzum, keine Zukunft vermochte seinen Blick auf das gegenwärtige Gegenüber abzulenken. Der Spieler Casanova setzte immer den höchsten Einsatz auf die kleinste Chance; unverdienter Goldsegen und schimpflicher Bankrott waren ihm immer gleich willkommen, Glück und Unglück nichts als Prüfungen, an denen sich die Wachsamkeit zu bewähren hatte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Pläne der Senderführung beim HR sind ein Misstrauensvotum gegen die eigenen Mitarbeiter.

          Kurs des Hessischen Rundfunks : Weniger Kultur wagen?

          Beim Hessischen Rundfunk soll das Radio-Kulturprogramm hr2 nach dem Willen der Senderführung verschwinden. Die Argumentation für diesen Schritt ist typisch. Sie zeugt von Verachtung – für die Kultur, die Mitarbeiter und die Beitragszahler.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.