Rezension: Sachbuch : Zwei Wahrheiten sind eine zuviel
Ironisch folgen sie in der kürzlich erschienen Geschichte des Suhrkamp Verlags unmittelbar aufeinander: Die beiden Literaturpreisträger mit dem Anfangsbuchstaben "W" des Jahres 1996, Martin Walser, der den Hölderlin-Preis erhielt, und Binjamin Wilkomirski, damals ausgezeichnet mit dem Jewish National Book Award. Zwei Jahre später, bei der Buchmesse 1998, standen ihre Namen für die Sollbruchstelle der Erinnerungspolitik; Walser hätte sich für seine Sätze zur "Instrumentalisierung unserer Schande" keinen besseren Beleg wünschen können als Wilkomirskis erfundene Opfergeschichte aus den Vernichtungslagern. Wenige Wochen zuvor hatte der schweizerische Schriftsteller Daniel Ganzfried das Buch "Bruchstücke" als pure Fiktion bezeichnet: Bruno Dössekker, der sich "Wilkomirski" nennt, habe ein KZ nur als Tourist gesehen. Aber der Anonymus, der "Die Geschichte des Suhrkamp Verlages 1950-2000" (Frankfurt am Main 2000) schrieb, mag es an dieser Stelle eilig gehabt haben. Daß das vermeintliche Erinnerungsbuch Wilkomirskis im Oktober 1999 vom Markt genommen werden mußte, nachdem sich der Fälschungsverdacht bestätigte, bleibt unerwähnt.