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Rezension: Sachbuch : Zwei Leichen schon am ersten Tag - ist das nicht etwas viel?

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Zwei Filmemacher im Gespräch - daß in dieser Werkstattsituation Gegenstände zur Sprache kommen können, die auch jenseits der Fachkreise spannend bleiben, ist erwiesen, seit François Truffaut zu Alfred Hitchcock reiste und ihn mit der immergleichen Frage löcherte: "Wie haben Sie das gemacht?"Diese ...

          Zwei Filmemacher im Gespräch - daß in dieser Werkstattsituation Gegenstände zur Sprache kommen können, die auch jenseits der Fachkreise spannend bleiben, ist erwiesen, seit François Truffaut zu Alfred Hitchcock reiste und ihn mit der immergleichen Frage löcherte: "Wie haben Sie das gemacht?"

          Diese Frage stellt in zahlreichen Variationen jetzt der deutsche Regisseur Tom Tykwer dem Kameramann Michael Ballhaus - wobei "Kameramann" zwar die geläufige deutsche Berufsbezeichnung ist, aber keineswegs beschreibt, was Ballhaus eigentlich tut: Er beleuchtet die Welt, in der eine Geschichte spielt, er schafft Stimmungen, Dramatik und Dynamik, er läßt die Schauspieler so schön aussehen, wie es nur möglich ist. Ballhaus arbeitet seit fast zwanzig Jahren ausschließlich in Amerika, und dort hat er auch den Titel, der seiner Arbeit gebührt: "Director of Photography", Bildregisseur.

          Tykwer also fragt ihn, nach seiner Kindheit und Jugend und seinen Anfängen beim Fernsehen, und dann, Film für Film, nach seiner Zusammenarbeit mit so unterschiedlichen Regisseuren wie Fassbinder und Peter Lilienthal, Prince und Mike Nichols, Francis Coppola, Robert Redford und Martin Scorsese. Er verhehlt nicht, daß er einige der Filme, nach denen er fragt, nicht besonders schätzt, andere für ein wenig läppisch hält. Deutlich aber macht er auch, wie groß seine Hochachtung für die Arbeit von Ballhaus selbst noch in jenen Werken ist, mit denen er nichts anfangen kann, sei es "Wild Wild West", "Sleepers" oder "Die Legende von Bagger Vance".

          Zwischen Truffaut und Hitchcock entwickelte sich die Spannung des Gesprächs nicht nur durch den Generationensprung, der den Befragten so deutlich zum Lehrmeister machte, sondern vor allem dadurch, daß Truffaut durch seine Fragen herauszufinden suchte, was einen Regisseur im Studiosystem zum "Autor" werden ließ und wie sich in einer Art inneren Gegenbewegung zur Formelhaftigkeit des Studiofilms ein persönlicher Stil entwickeln konnte. Erst daraus ließ sich bestimmen, was diesen persönlichen Stil eigentlich ausmachte.

          Die Spannung im Gespräch zwischen Tykwer und Ballhaus entsteht ebenfalls aus dem Abstand zwischen den Generationen - und daraus, daß die Arbeitsbedingungen, die im Filmgeschäft immer vor allem Budgetbedingungen sind, für einen deutschen Regisseur (auch wenn er "Lola rennt" gedreht hat) und einen in Hollywood etablierten Kamerakünstler höchst unterschiedliche sind. Sie erwächst aber vor allem daraus, daß hier ein Regisseur, der sich für Geschichten interessiert, mit einem Bildregisseur spricht, dessen Hauptinteresse auch das Erzählen ist, mit einem Mann also, der seine Kamera als dienendes Instrument begreift. Ballhaus ist der Überzeugung, daß es der Geschichte nicht gut tut, wenn er hinter der Kamera mit großer Geste auf sich selbst verweist. Die Frage also ist: Wie gewinnt ein Künstler, der den Geschichten anderer dient, mit dieser Haltung einen eigenen Stil?

          Durch Übung und Experiment, scheint die Antwort zu sein, wenn man der Karriere von Ballhaus folgt, verbunden mit einigen persönlichen Grundsätzen, wie einer zunächst erzwungenen, dann selbst auferlegten Verpflichtung zur Effizienz, der Zuneigung zu den Figuren, um die es geht, und einem relativen Desinteresse am technischen Spektakel. Filme wie "Air Force One" belegen, daß Ballhaus auf der Höhe der technischen Möglichkeiten arbeitet. Filme wie "Bram Stokers Dracula" oder "Zeit der Unschuld" zeigen, daß er ihnen gleichwohl nicht verfällt und daß er für Probleme, die mit computergenerierten Bildern leicht (und teuer) zu lösen wären, lieber auf Kameratricks zurückgreift, die den ungeheuren Einfallsreichtum brauchen, der Teil seines Stils geworden ist.

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