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Rezension: Sachbuch : Zur Unsichtbarkeit gehören zwei

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Die meisten hüten sich davor, ihre Gedanken aufzuzeichnen: Jean Paul graute vor nichts / Von Henning Ritter

          8 Min.

          Wieviel Gedanken hat ein Mensch - am Tag, im Jahr, in Jahrzehnten, ein Leben lang? Die Rechnung ist wohl noch nie aufgemacht worden, denn wir wissen nicht, was es mit den Gedanken auf sich hat, die wir nicht mitteilen oder aufschreiben. Aber jeder kennt am Ende eines in lebhafter Kommunikation verbrachten Tages das Gefühl des Verlustes, wenn er den einen oder anderen glücklichen Einfall im Gespräch nachträglich zu fixieren versucht. Was so glasklar formuliert war, zerfällt bei dem Versuch, es aufzuzeichnen. Oft bemerkt man, daß es kein Gedanke war, der auf eigenen Füßen gehen, der Stütze des Gesprächs entbehren kann. Das meiste von dem, was wir allenfalls als eigene Gedanken bezeichnen würden, zerfällt so, bevor es aufgezeichnet wird, nicht unähnlich den Traumbildern, die so anziehend wirkten und im Erwachen bis zur Unkenntlichkeit banalisiert erscheinen. Die meisten hüten sich deswegen davor, ihre Gedanken aufzuzeichnen. Darauf beruht vielleicht, im Gegenzug, das Prestige der Aufzeichnungen von "Gedanken".

          Der Ruhm von Pascal beruht fast ganz auf der ungeordneten Sammlung von Gedanken; im Werk von Kant sind die sogenannten "Reflexionen" ein eigengewichtiger Zugang zu seinem Denken; Nietzsches Philosophie besteht weitgehend aus Einfällen, Einwürfen, Entwürfen, aus impulsiven Aufzeichnungen, die er zu einem großen Gedanken komponieren wollte; die Philosophie Wittgensteins ruht auf einem Gedankenmassiv auf, das sich in Splittern darbietet und von der Anstrengung zeugt, die alltäglichen Denkanfälle an ihrer Wurzel zu disziplinieren. Und doch ist, von den Vorsokratikern über die stoische Philosophie bis zu Humanismus und Moralistik, die Produktion bloßer Gedanken, die nicht von vornherein etwas beweisen wollen, bloß ein Rinnsal, verglichen mit dem großen Strom des geordneten Denkens. Selten haben die abendländischen Denker die Zügel ihrer Gedanken gelockert, selten haben sie Einblick gewähren wollen in das früheste Stadium der Formung ihrer Ideen. Gedanken scheinen in die Werkstatt des Denkens zu gehören, sie werden nach Gebrauch entsorgt. Von Hegel gibt es nur ein schmales Heft mit solchen Einfällen, und diese scheinen einen ganz anderen Autor zu haben als seine Philosophie: Alles ist eingetragen in ein Werk, das die Spuren erster Impulse unkenntlich gemacht hat.

          Mehr als achttausend Gedanken in zwanzig Jahren - ist das viel oder wenig? In elf Hefte mit der Aufschrift "Gedanken" hat Jean Paul zwischen 1799 und 1819 (mit einem schmalen Nachtrag 1824) seine Einfälle eingetragen. Und dies ist nur ein Teil der Aufzeichnungen, die er gleichzeitig in anderen Heften und unter anderen Überschriften gemacht hat: "Merkblätter", "Studienhefte", "Bemerkungen", "philosophische Untersuchungen" und so fort, deren Publikation nun mit den "Gedanken" in der historisch-kritischen Ausgabe seiner Werke fortgeführt wird. Dieser neben der Niederschrift seiner vielen Romane unermüdlich notierende Schriftsteller hat eines der großen Werke jener Aufzeichnungsliteratur hinterlassen, die von Aphorismen und Lebensweisheit zu unterscheiden ist. Es ist in seiner Eigenart noch kaum erkannt, da man darin meist nur "Einfälle" und Ideenmagazine für anderes zu sehen gewohnt ist, Depot und Durchgangsstadium. Die Vielzahl der parallel geführten Hefte mit verschiedenen Aufschriften und die Beharrlichkeit, mit der sie über Jahre gefüllt werden, ist ein Hinweis darauf, daß es sich um ein geordnetes Chaos handelt.

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