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Rezension: Sachbuch : Zur Teatime mit Chagall

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Rock 'n' Roll zwischen Buchdeckeln: Ron Wood und Bill Wyman malen und fotografieren auch

          Nicht alles, was Rockmusiker tagaus, tagein spielen, erscheint auch auf ihren Schallplatten. Fast immer bleiben alternative Aufnahmen zurück, Demo-Tapes, Konzertmitschnitte, mitunter sogar Experimente in ganz fremden Stilrichtungen. Einige englische Rockstars haben inzwischen eine originelle Möglichkeit gefunden, ihre Kuriositäten dennoch an die Fans zu bringen: als exklusive Bonus-CD zu einem der luxuriösen Bildbände, die der Verleger Brian Roylance über die Beatles, die Rolling Stones, Eric Clapton und andere Götter der Rockmusik herausgegeben hat. Die jüngsten Veröffentlichungen befassen sich mit Ron Wood und Bill Wyman, den Hintermännern der Stones.

          Es sind die schönsten - und teuersten - Rockmusikbücher der Welt. Hochwertiges Papier, edle Verarbeitung, Ledereinband, limitierte Auflagen, Originalsignaturen der Künstler - die Bände werden im Moment ihres Erscheinens begehrte Sammlerobjekte. Dabei ist Brian Roylance eher zufällig an die Rockmusik geraten. Auf dem Londoner "College of Printing" hatte er sich für alte Drucktechniken begeistert, mit der Produktion bibliophiler Faksimileausgaben historischer Bücher begonnen - bis er eines Tages gebeten wurde, George Harrisons Textsammlung "I Me Mine" herauszubringen. Es war der Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit mit dem Ex-Beatle, die Geschichte des Quartetts aus Liverpool wurde zum zentralen Thema bei Genesis Publications, dem Verlag von Roylance.

          Es blieb nicht das einzige. Immer wenn Bob Dylan seinen Freund Ron Wood auf dessen Landsitz in Irland besucht, verschwinden die beiden Veteranen in Woods Studio und jammern dort bis zum Morgengrauen. "Interfere" heißt ein kurzes Instrumentalstück, das so entstanden ist. Zusammen mit drei Aufnahmen aus Ron Woods Soloalbum "Slide on This" bildet es die musikalische Dreingabe für ein Werk, das solcher Aufwertung gar nicht bedurft hätte. "Wood on Canvas - Every Picture Tells a Story": dieser opulente Bildband ist Rock & Roll zwischen zwei Buchdeckeln. Denn der lebenslustige Gitarrist ist in seinem zweiten, ursprünglich erlernten Beruf ein begabter Maler und Zeichner. Auf allen Tourneen hat er Stifte und Zeichenblock dabei und skizziert seine Mit-Stones auf der Bühne, wie sie Gitarre üben oder in der Garderobe auf den Auftritt warten. Auch seine Idole hat Wood in Tourneepausen porträtiert - Charlie Parker, Elvis Presley, Chuck Berry, Muddy Waters. Das Buch ist ein ganz eigenes Kunstwerk, wunderbare Ergänzung der Originaldrucke, die es in den Ausstellungen des Gitarristen zu kaufen gibt.

          Bill Wyman stand bei den Rolling Stones von Beginn an im Hintergrund; erst seit seinem Weggang von der Übergruppe zeigt er, welche Talente in ihm jahrzehntelang schlummerten. So fand der engagierte Hobbyfotograf endlich Zeit, die Erinnerungen an seine Freundschaft mit dem Maler Marc Chagall zu Papier zu bringen. Zu Beginn der siebziger Jahre waren die Rolling Stones ins Steuerexil nach Südfrankreich gezogen. Bill Wyman baute ein Haus in der Nähe des Künstlerdorfs Saint-Paul-de-Vence, wo er Chagall kennen lernte. Regelmäßig besuchte er den Maler zum Tee am Nachmittag, im Laufe der Zeit entstand eine Menge wunderschöner Porträts.

          Das kleinformatige Buch "Wyman Shoots Chagall" atmet die würzige Luft der Provence. In einfacher Sprache erzählt es aus dem Leben des Malers, aber auch von den Rolling Stones in den frühen Siebzigern, einer ihrer kreativsten Phasen. Die CD - mit Bill Wymans "Chagall Suite" aus dem Jahre 1983 im Zentrum - ist hier kein Beiwerk. Das meditative kleine Orchesterstück hat Wyman zusammen mit Mike Batt komponiert und vom London Symphony Orchestra einspielen lassen. Es ist der passende Soundtrack zu den liebevollen Erzählungen des ehemaligen Stones-Bassisten.

          FRITZ WERNER HAVER

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