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Rezension: Sachbuch : Zur Ökonomie der Wahrheit

  • Aktualisiert am

Althistorie für Peter Mandelson

          Als Peter Mandelson, der Großmeister dessen, was euphemistisch Öffentlichkeitsarbeit heißt, in der vorletzten Woche zum zweiten Mal aus Tony Blairs Kabinett, diesmal als Nordirland-Minister, zurücktreten mußte, wunderte man sich nicht bloß, daß der souveräne Beherrscher der Medienbeeinflussung erneut in eigener Sache so tapsig vorgegangen war. In dem Scheinwerferlicht, dem der "Prince of Darkness" in diesen Tagen ausgesetzt war, wurde auch wieder einmal die Frage ausgeleuchtet, wie weit ein Politiker gehen muß, um als "Lügner" dazustehen. Nur portionsweise hatte Mandelson zugegeben, dem Antrag eines mittlerweile als dubios geltenden indischen Milliardärs auf einen britischen Paß mit einem Anruf im Innenministerium nachgeholfen zu haben, weil dieser einen Millionenzuschuß zum unseligen "Millennium Dome" versprochen hatte. Als besonders unschicklich empfand man, daß Mandelson dem Umkreis des Premierministers und damit auch dem Unterhaus, das entsprechend informiert wurde, eine Version des Vorfalls verkaufte, die sich wenige Stunden später als falsch erwies. In der "Sunday Times" schrieb der vorerst gescheiterte Chef des - wie es ein Tory einmal ausdrückte - "Dirty Tricks Department" nach seinem Rücktritt, er habe keineswegs gelogen, sondern lediglich "den Fehler gemacht, sich zu äußern, bevor man alle Fakten ermittelt hat". So, so, denkt man und fühlt sich an die berüchtigte Erklärung Sir Robert Armstrongs im "Spycatcher"-Prozeß von 1986 erinnert, wonach eine Lüge eine "direkte Unwahrheit" gewesen wäre, während er nur einen "irreführenden Eindruck" erweckt habe und "vielleicht ein wenig ökonomisch mit der Wahrheit umgegangen" sei. Postmoderne Zyniker werden eine solche Lügensemantik nicht weiter bemerkenswert finden. Im Ernst aber berührt das Problem bewußter Irreführung durch Amtsträger den Kern des demokratischen Gedankens. Die allergische Reaktion auf solche Mißgriffe ist nicht einfach ein mediengesteuerter blow up, sie spiegelt auch das ambivalente Verhältnis zwischen den Eliten und einer Masse wider, die für das Zugeständnis der kommissarischen Verwaltung der kollektiven Souveränität wenigstens ein Mindestmaß an kommunikativer Verläßlichkeit erwartet. Die Bereitschaft, jemandem von ferne, und sei es nur für kurze Zeit, Glaubwürdigkeit zuzuschreiben, ist nicht, wie einige Soziologen glauben, ein reines Rollenspiel, das die Menge um des lieben Friedens willen immer mitmacht: Die Wahlbeteiligung müßte dann gegen null Prozent gehen. Daß demokratische Legitimation vielmehr eine Verständigungsfrage ist, zu der die Rhetorik des Betrugs konstitutiv, aber eben auch mit positiver, weil sensibilisierender Wirkung beiträgt, läßt sich von der Volksversammlung und den Gerichten der athenischen Demokratie der Antike lernen, wie jetzt Jon Hesk in einem Buch zeigt, das Peter Mandelson zur Lektüre empfohlen sei (Jon Hesk: "Deception and Democracy in Classical Athens". Cambridge University Press, Cambridge 2000. 336 S., geb., 40,- brit. Pfund). Die attischen Redner reflektieren vor den Entscheidungsträgern, dem demokratischen Massenpublikum, in auffälliger "Metadiskursivität" über die rhetorischen Kniffe ihrer Gegner, während sie just bei diesen Beschuldigungen und Beteuerungen, selbst aber auch gar nichts mit diesem Teufelszeug zu tun zu haben, nicht minder trickreich vorgehen. Hesk - der aus der anthropologisch orientierten Schule um den Cambridger Altphilologen Simon Goldhill stammt - führt vor, wie diese "Rhetorik der Anti-Rhetorik" nicht nur zu fatalistischer Desillusionierung angesichts der Mechanismen von Macht und Lüge, sondern in einer, wie es Demosthenes formuliert, "Verfassung, die auf Reden gegründet ist", zu einer durchaus heilsamen Wachsamkeit der demokratischen Öffentlichkeit führen kann, mit der auch die spin-doctors vorsichtig umgehen müssen. Man mag es für eine etwas magere Mindestanforderung für die vielbeschworene Bürgergesellschaft halten, aber gelegentlich achtet die Mehrheit schon darauf, daß man jemandem glauben kann. Also, folgert Hesk, muß man auch dort, "wo logoi elektronisch vermittelt werden", den Kampf um die Wahrheit in der Demokratie aufnehmen. Und für welche Abteilung des "Millennium Dome" hat der reiche Inder sein Geld gespendet? Für die "Faith Zone".

          JOHAN SCHLOEMANN

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