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Rezension: Sachbuch : Zur Abstraktion gehört Glaubensmut

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Der Bezug auf die Bibel hat für Angenendt aber noch eine andere, nämlich kritische Funktion. Unterscheidet man zwischen "archaischen" beziehungsweise mythisch-magischen Formen von Religion auf der einen und "achsenzeitlichen" Formen von elaborierter beziehungsweise "Hochreligion" auf der anderen Seite, ist das Christentum des Neuen Testamentes eine Hochreligion. Hierzu gehört vor allem die Betonung der Ethik und der Innerlichkeit, des "Herzens". In der dem ganzen Buch zugrundeliegenden Frage, ob die Religiosität des Mittelalters eher einer "magischen" oder einer "elaborierten" Form der Religion entspricht, liefert die Bibel für Angenendt die Kriteriologie, im jeweiligen Einzelfall das Interpretationspendel nach vorn oder nach hinten ausschlagen zu lassen. Seine Hauptthese bleibt: Das Mittelalter war auf dem Rückweg zur innerlichkeitsbestimmten Hochreligion. Die "Prozeßhaftigkeit" der Religiosität im Mittelalter deutet Angenendt - nimmt man alles in allem - als einen Prozeß der Zivilisation, einen Prozeß der Rationalisierung, der Ethisierung, der Verbalisierung, der Individualisierung.

In vielen Einzelpunkten gelingt ihm der Beleg überzeugend und faszinierend, wie beispielsweise bei der Entwicklung des Gottes- und Christusbildes, der Entwicklung des Ehesakramentes, der Gnaden- und Bußauffassung, der Verschiebung von der Tat- zur Intentionshaftung. Dabei werden die gegenläufigen Tendenzen nicht unterschlagen. Besonders stellt Angenendt die zentrale Bedeutung der "archaischen" Reinheitsvorstellung heraus. In allen Bereichen des Lebens, ob beim Sakramentenempfang, bei der Frage des priesterlichen Zölibats, bei den Kranken, ja auch in der Politik (Waffenverbot für Kleriker, Ketzersanktionen nur durch den weltlichen Arm, Investiturstreit), spielen diese urreligiösen Vorstellungen eine Rolle.

Die gesamte Epoche wird von einer panischen Angst vor kultischer Unreinheit jeder Art beherrscht - und diese Unreinheit kam nicht, wie der "hochreligiöse" Jesus des Neuen Testamentes gefordert hatte, allein aus dem "Herzen" des Menschen, sondern von realem Blut und Sperma, von Kadavern und Ausscheidungen, von Speisen und Berührungen. Angenendt bewertet das - beispielhaft für sein interpretatives Vorgehen - als "eindeutig vorethisches Religionsphänomen", um dann zu zeigen, wie aus der intellektuellen oder klösterlichen Welt langsam Spiritualisierungsstrategien entwickelt werden.

Die Kirchengeschichte gehört zum Fächerkanon der Theologie. Theologie aber ist ihrem Wesen nach Apologetik. So ist die Kirchengeschichte als historische auch eine apologetische Wissenschaft. Kaum jemand versteht sich auf diese doppelte Aufgabe besser als Angenendt. Einerseits besteht seine apologetische Kunst darin, auch für die aus heutiger Sicht abstrusesten Vorstellungen und heikelsten Praktiken systemimmanent plausible Begründungen herzuleiten oder zumindest um Verständnis für "das Eigene, ja das Fremde des Mittelalters" zu werben. Andererseits zeigt er, wie sehr sich auch in dieser Epoche, vor allem durch gewissenhaftes Maßnehmen an der Bibel und der "Väterzeit", immer wieder "hochreligiöse Formen" durchzusetzen beginnen. Christentum sei immer schon Aufklärung gewesen: Dieses Theorem, das Kardinal Joseph Ratzinger, derzeitiger Chefapologet seiner Kirche, unlängst aufgestellt hat, ist durch Arnold Angenendt ausgerechnet für das vermeintlich so dunkle Mittelalter mit reichlich empirischem Material gestärkt worden.

MARKUS BARTH

Arnold Angenendt: "Geschichte der Religiosität im Mittelalter". 2., überarbeitete Auflage. Primus Verlag, Darmstadt 2000. 986 S., Abb., geb., 128,- DM.

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