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Rezension: Sachbuch : Zur Abstraktion gehört Glaubensmut

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Angenendt hat sein Fach nie als bloße Historiographie der Institution begriffen, sondern als Geschichte der religiösen Ideen, der Gesten, der Vorstellungen, Ikonographien, Lebenswelten. Als erster seines Fachs hat er seine Studenten mit den Meistern der Nouvelle histoire bekanntgemacht. Keine Vorlesung ohne Bezüge zur Sozial- und Alltagsgeschichte, zur bildenden Kunst. Kirchengeschichte ist für Angenendt mehr als ein Ausschnitt aus der Universalgeschichte - sie ist ein Spiegel für die Verfassung der Menschen in ihrer Zeit insgesamt. Immer hat er auch die longue durée der Prägungen herausgestellt, die bis heute wirksam sind.

Es macht die Faszination von Angenendts Buch aus, die Mentalität dieser vollkommen religiös bestimmten europäischen Gesellschaft bis in kleinste Verästelungen kennenlernen zu können. Es wird im Detail deutlich, wie sehr sich das Bild vom Menschen, wie sehr sich gesellschaftliche Usancen, politische Strategien oder künstlerische Entwürfe von religiösen Vorstellungen herleiten lassen. Wie sich allein in der Entwicklung der Christusplastik am Eingang der Kathedralen, an der Darstellung des Jüngsten Gerichts, an der Größe und Stellung der Seelen-Waage die Veränderung der Vorstellung von individueller Verantwortung und von Gnade und Erbarmen ablesen läßt, wie sich Himmelsfreude und Höllenangst verändern, wie von äußerlichen Taten das Gewicht auf innere Einstellung verlagert wird - all das wird genau und meist einfühlsam beschrieben.

Religiosität erscheint als ungeheuer dynamische Hauptmotivation und Bezugsgröße allen menschlichen Handelns. Wo andere Motive, wo Politik und Ökonomie, Hygiene und Sozialorganisation eine Rolle spielen, sind auch sie im Selbstverständnis der Zeit ohne religiöse Grundimpulse nicht zu verstehen. Um es mit aktuellen Begriffen zu sagen: Das Mittelalter verfolgt ein christliches Projekt, und so ist eine europäische Wertegemeinschaft entstanden, wie es sie später nicht mehr gegeben hat. Denn das geographisch-politisch-kulturelle Synonym für den historischen Begriff Mittelalter heißt Europa. Nach der Lektüre dieses Buches wird man zweifeln, ob es noch einmal ein einiges Europa geben kann, ohne die leitende und einigende Dynamik einer metapolitischen, wenn nicht metaphysischen Idee.

Gerade dieser Aspekt macht das Buch zu einer wichtigen Lektüre für alle "geistig Interessierten", wie man im fernen Echo europäischer Bildungsideale noch vor einiger Zeit gesagt hätte. Deswegen ist die einzige Schwäche dieses großen Buches zu beklagen: Es ist offenbar in der Hauptsache für Theologen geschrieben. Während etwa historische Begriffe wie "Achsenzeit" breit erörtert werden, werden theologische und vor allem liturgische Fachtermini als bekannt vorausgesetzt. Was "Kanonkreuze" sind, weiß vermutlich auch ein Oberministrant nicht. Angenendt schreibt manchmal allzu sehr aus einem katholischen Milieu heraus, von dem er selbst am allerbesten weiß, daß es so nicht mehr existiert. Leider ist Angenendts Schreibstil auch viel trockener, als es die Hörer seiner Vorträge vermuten würden.

Das Buch ist in der Großstruktur systematisch angelegt. Es gibt lediglich eine Übersicht über "Epochen und Bewegungen" von sechzig Seiten. Diese sind allerdings entscheidend. In das dort entworfene historische Muster werden alle späteren Themen eingetragen. Die zentrale These vom "Prozeßcharakter" des Mittelalters und seiner Religiosität, in dem das zwölfte Jahrhundert für Angenendt die entscheidende "Wasserscheide" darstellt, wird später immer wieder im Detail demonstriert. Überraschen könnte der beständige Bezug zur Bibel. Ob Gottesbild oder Gebet, ob Buße oder Liturgie, ob Jenseitsvorstellung oder Caritas: noch jedes Unterkapitel wird mit einer Art exegetischem Befund eingeleitet. So wird zunächst dargestellt, wie stark sich die Religiosität des Mittelalters als eine textbezogene Religiosität beschreiben läßt. Das Buch ist auch eine ökumenische Herausforderung. Im protestantischen Geschichtsbewußtsein fehlt ja häufig genau jene Epoche, von der hier die Rede ist.

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