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Rezension: Sachbuch : Zum Fünfuhrtee bei der menschlichen Natur

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Gilles Deleuze' freundschaftliche Begegnung mit David Hume

          2 Min.

          1739 veröffentlichte der achtundzwanzigjährige Hume die ersten beiden Bücher seines Hauptwerks "A Treatise of Human Nature". Im selben Alter publizierte Gilles Deleuze 1953 wiederum eine Studie über Hume: "Empirisme et Subjectivité". Jetzt erscheint sie in deutscher Übersetzung. Sie ist kein Hauptwerk. Deleuze hat Bücher über Hume, Bergson, Nietzsche, Kant, Spinoza und Leibniz geschrieben, bevor er sich im Alter der Frage stellte: "Was ist Philosophie?"

          Unter jenen Büchern, die als Einführung in eine Philosophie gelesen werden können, ragen das Buch über Leibniz und das über Nietzsche hervor. Dem Hume-Buch fehlt ein treffendes, eindrückliches und originelles Bild oder Leitmotiv wie das der Falte im Falle von Leibniz oder das "Ja" Nietzsches gegen alle dialektischen Negationen. Und doch klingt schon in der Hume-Studie Deleuze' Philosophiebegriff an: die Kunst, Begriffe zu erfinden. Jedes Kapitel variiert Humes Grundgedanken, daß der menschliche Geist das Gegebene überschreite durch seine Fähigkeit, zu glauben (für wahr zu halten) und zu erfinden. Der Mensch ist erfinderisch, also auch der Philosoph. Die Einbildungskraft war wichtig. Im Kern ist der Geist ("mind") Delirium.

          "Die philosophische Zeit ist eine grandiose Zeit von Koexistenz, die das Vorher und Nachher nicht ausschließt", schreibt Deleuze in "Was ist Philosophie?" So nähert sich schon der junge Deleuze David Hume nicht philosophisch-geschichtlich. Er operiert aber auch nicht werkimmanent. Mir kommt es vor, als löste er ein mitgebrachtes phänomenologisches Begriffsvokabular mit Hilfe von Hume in der Auseinandersetzung mit ihm auf. Was ist das Ich? "Ein Bündel oder ein Zusammen von verschiedenen Perzeptionen", antwortet Hume.

          Als Bündel ("bundle") ist das Subjekt ein, wie Deleuze später sagen wird, "rhizomatisches" Gebilde, das sich im Gegebenen konstituiert und über das Gegebene hinausgeht. "An einem heitern Sommertage im Freien erschien mir einmal die Welt samt meinem Ich als eine zusammenhängende Masse von Empfindungen, nur im Ich stärker zusammenhängend", schreibt Ernst Mach in einer berühmten Anmerkung zu seiner "Analyse der Empfindungen" (1886). Diese fast mystische Immanenzphilosophie spürt Deleuze schon bei Hume auf: Den Zusammenhang von Ich und Welt gewährleisten in dessen Philosophie Assoziation und Affekt. Der Verstand assoziiert, aber auch der Affekt. Der Verstand wird affiziert. Die Einbildungskraft reflektiert und steigert den Affekt. Der stärkste ist die Sympathie. Der Mensch, so wie ihn Hume sieht, schreibt Deleuze, ist in erster Linie nicht egoistisch, sondern parteiisch. Er sympathisiert.

          In der deutschen Tradition ist es fast unmöglich, Hume dem Blickwinkel und damit auch der Kritik seines Interpreten Kant zu entrücken. Genau das aber versucht Deleuze. Subjektivität nach Hume bedeutet für ihn Ambivalenz: Autonomie und Heteronomie, Aktivität und Passivität. Das Subjekt konstituiert sich im Gegebenen und übersteigt es. Es ist transzendental und immanent. Es erfindet und erdichtet, und es erleidet. Es hört nie auf, Affekt zu sein.

          Deleuze' Frühwerk war zu eigenartig, um Eingang in die Fachliteratur zu finden. Nun erscheint es auf deutsch in einer Reihe "Einführungen". Einführungen im Taschenbuchformat scheinen sich gut zu verkaufen. Sie drohen, das Studium eines philosophischen Textes eher zu ersetzen, als daß sie in ihn hineinführen. Diese Gefahr besteht bei Deleuze nicht. Dafür ist sein Hume-Buch zu spröde. Zwanzig Jahre später hat er es zu einem kurzen und witzigen Kapitel in Châtelets "Geschichte der Philosophie" zusammengefaßt. Im Bücherregal sollte man es eher zu den anderen Deleuze-Büchern stellen als zu David Hume. Aber es kann einen anspornen, noch einmal dessen wunderbar klare und ruhige englische Prosa zu lesen - als Einführung in die Philosophie des Gilles Deleuze. HANNES BÖHRINGER

          Gilles Deleuze: "David Hume". Aus dem Französischen von Peter Geble und Martin Weinmann. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1997. 194 S., br., 24,80 DM.

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