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Rezension: Sachbuch : Zu glatt und zu schlau

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Sven Hanuschek über Leben und Werk Erich Kästners

          5 Min.

          Wer Erich Kästners Bücher liebt, sollte diese Biographie besser nicht lesen - die Liebe könnte Schaden leiden. Der Mann ist ein Abgrund. Auch Sven Hanuschek, dem wir die bisher ausführlichste Kästner-Biographie verdanken, kann diesen Abgrund nicht völlig ausleuchten. "Keiner blickt dir hinter das Gesicht", überschreibt er passend sein Werk. Aber er weiß mehr als irgendeiner vor ihm. Er hat viele Quellen verwendet, die vor Jahren noch unzugänglich oder völlig unbekannt waren, den kompletten Muttchen-Briefwechsel vor allem, ferner diverse Briefwechsel mit ehemaligen Geliebten, Akten aller Art, das Original des Kriegstagebuchs und zahlreiche Nachlaßmaterialien. Er hat Gespräche mit dem Sohn Thomas Kästner und mit noch lebenden Weggefährten geführt. Er hat das dichterische und publizistische Werk bis in entlegene Randzonen studiert und etliche Texte entdeckt, die nicht einmal in der neuen großen Werkausgabe des Hanser-Verlags stehen - so "Inferno im Hotel" (1927), eine düstere Vorstufe zu dem humoristischen Roman "Drei Männer im Schnee" (1933).

          Aber trotz aller Genauigkeit will sich das Bild nicht runden. Hanuscheks Kästner bleibt in sich widersprüchlich. Das Leben will zu diesem Werk nicht passen. Der Biograph ist so sehr jeder Harmonisierung abhold, daß er Sympathisches und Unsympathisches mit genau gleicher Leidenschaft schildert. Das Ergebnis ist verwirrend. Der Leser muß am Ende selbst urteilen, ob er diesen Mann noch zu seinen literarischen Freunden zählen will oder nicht. Hanuschek bleibt eine Erklärung dafür schuldig, wie so vorbildliche und so schäbige Charakterzüge miteinander auskommen konnten.

          Die vorbildlichen, der Antifaschismus, das Aufklärertum, der pädagogische Witz, bedürfen weiterer Bekanntmachung nicht. In der Darstellung der schäbigen liegt der Erkenntnisgewinn des Buches. Dichter müssen natürlich nicht in jeder Hinsicht gute Menschen sein. Dürfen sie Lügner sein? Der "grundehrliche Charakter", der im "Fabian" die moralische Verkommenheit der Großstadt geschildert hat, hatte dieselbe in allen ihren Spielarten an sich selbst studiert. Trotzdem widersprach er nicht, wenn es hieß: "Kästner will bessern, indem er die Wahrheit aufdeckt." Er fand es schön, als Moralist zu gelten, dachte aber nicht daran, die veröffentlichten Maßstäbe auch auf sich selber anzuwenden. Auch Brecht hatte viele Frauen; die Kenntnis dieses Umstands hat jedoch sein Werk nicht beschädigt - weil er eben nicht den Moralisten spielt. Wenn man nun bei Hanuschek detailliert erfährt, wie der erotisch Hyperaktive seine zahlreichen Frauen belog und betrog, wie er Ilse und Pony, Nauke und Karlinchen, Moritz und Änne, Steffa und Herta, Lottchen und Friedel gegeneinander ausspielte, dann wird einem übel bei der Anstandstrompeterei.

          Zu dem Zeitpunkt, als Kästner im "Fabian" Krokodilstränen über die Berliner Sittenlosigkeit weint, hat er sich gerade bei einer Prostituierten eine Tripper-Infektion geholt. Nicht nur das vertraut er seiner Mutter an, sondern auch, daß Karin vom Onanieren schon ganz abgenützt sei und daß überhaupt alle Mädchen, die seinem Charme erliegen, nichts Rechtes taugen.

          Kästners Lyrik, urteilte Kurt Tucholsky, sei wunderbar gearbeitet, "aber irgend etwas ist da nicht in Ordnung". Er ahnte richtig. Kästner war ein Pharisäer. Sein Werk ist auf etliche Lügen gebaut. Es ist zu glatt und zu schlau, noch in der Opposition immer auf der sicheren Seite, dünn bei aller Eleganz. Es soll Eindruck machen, der Mutter und der Welt, das ist seine Aufgabe. Es präsentiert einen Musterknaben, fix, sauber, gescheit und gescheitelt, aber das ist nur die Imponierseite, nicht das wahre Sein.

          Hanuschek hat die zahlreichen Retuschen aufgedeckt, die zur Erzeugung dieses Scheins immer wieder notwendig waren, die erotischen wie die politischen. Was Kästner zum Beispiel 1961 unter dem Titel "Notabene 45" als angebliches Kriegstagebuch veröffentlichte, ist auf weiten Strecken eine Fälschung. Die prophetischen Urteile, die seinerzeit die Leser als "erzwahrhaftige Notizen" beeindruckten, sind später hinzugefügt und im wieder aufgetauchten Originaltagebuch nicht zu finden. "Zwölf Jahre verboten" sei er gewesen, betonte Kästner nach dem Krieg bei jeder Gelegenheit. Das ist korrekt ausgedrückt und trotzdem gelogen. Zwar wurde er (obgleich er sich mehrfach darum bemühte) nie Mitglied der Reichsschrifttumskammer und hatte insofern keine Publikationserlaubnis. Aber er wußte sich durchzuwinden. Von 1933 bis 1936 erschienen seine Bücher in der Schweiz und wurden nach Deutschland reimportiert. Ebenfalls bis 1936 lief "Emil und die Detektive" unbehindert in zahlreichen deutschen Kinos. Bis Kriegsbeginn hatte Kästner sehr beträchtliche Deviseneinkünfte. Von 1936 an arbeitete er nach einem Strohmannprinzip mit Freunden zusammen, die RSK-Mitglieder waren, und publizierte unter deren Pseudonymen sehr erfolgreiche Komödien und Drehbücher. 1941/42 erhielt er, gedeckt von Goebbels, eine Sondererlaubnis, unter dem Pseudonym "Berthold Bürger" Drehbücher für die UFA zu schreiben. Der Renommierfilm "Münchhausen" stammt aus seiner Feder; er brachte ihm sechsstellige Reichsmarksummen ein. Kästner war einer der großen Lieferanten der Unterhaltungsindustrie des Dritten Reiches. Er hat bis 1943 ausgezeichnet verdient und hatte so hohe Ersparnisse, daß ihm auch die einkommensschwachen Jahre 1943 und 1944 nichts anhaben konnten. Bei Kriegsende war er, als "zwölf Jahre Verbotener", natürlich gleich wieder auf der Siegerseite.

          Er war kein Nazi, gewiß nicht, aber ein scheinheiliger Opportunist bisweilen doch ohne Zweifel. Deshalb sind seine Urteile über den Nationalsozialismus so klischeehaft, so unbeteiligt und so dürftig, deshalb gelingt ihm nach 1945 kein bedeutendes Wort über die zwölf Jahre. Er hätte ja über seine Verstrickung reden müssen. Statt dessen hat er seinen Nachruhm systematisch in die erwünschten Bahnen zu lenken gewußt. Während die ältere Biographik ohne den Nachlaß auskommen mußte und so den Kästnerschen Selbststilisierungen waffenlos ausgeliefert blieb, kam der Stein der Wahrheit ins Rollen, als Franz Josef Görtz vor Jahren die mittlerweile erschienene Werkausgabe zum hundertsten Geburtstag in Angriff nahm. Nachlaßeinsicht war zugesagt, wurde jedoch durch mancherlei Winkelzüge des damaligen Nachlaßverwalters mehr behindert als gewährt. Die Muttchen-Briefe wurden erst freigegeben, als die Bandherausgeber ihre Arbeit schon getan hatten. Es gab Krach, der Nachlaßverwalter wechselte, auch der Verlag, und plötzlich fand sich all das Vorenthaltene. Franz Josef Görtz konnte daraufhin zusammen mit Hans Sarkowicz 1998 im Piper Verlag die erste ernstzunehmende Biographie vorlegen.

          Sven Hanuschek hat von dieser Vorgeschichte profitiert, sofern ihm das so lange Verheimlichte ohne jahrelanges Gezerre zur Verfügung stand, aber er hat darüberhinaus auch neue Materialien ermittelt und eigene Schlüsse gezogen. So lesen sich beide Biographien durchaus unterschiedlich. Die eine, Görtz/Sarkowicz, ist gedrungener und pointierter, im Stil kraftvoll und kernig im Vergleich zu der manchmal etwas lahmen Ausdrucksweise ihres Konkurrenten, bleibt aber trotz aller Abgründe Kästner gewogen. Bei Hanuschek fehlt dieser Sympathiebonus. Auf weiten Strecken muß das Buch ihm unterderhand zum Abschied von Erich Kästner geworden sein.

          Während Görtz/Sarkowicz, auf neue Recherchen gestützt, den jüdischen Arzt Dr. Emil Zimmermann als Kästners leiblichen Vater vorstellen, kommt Hanuschek zu dem Schluß, daß es dafür keinerlei stichhaltige Beweise gebe. In das katastrophale Psychogramm der Ida Kästner, jenes lebenslang idealisierten Muttchens, paßt es seiner Meinung nach ganz gut, daß sie in ihren Altersdelirien so eine Geschichte in die Welt setzte. Auf ihren Ehemann, den guten und geduldigen Emil Kästner, mußte sie keine Rücksicht nehmen; sie hat ihn ohnehin ihr Leben lang verachtet und mißhandelt. Die Muttchen-Briefe überliefern krasse Beispiele. Als er es wagt, mit ihr schlafen zu wollen, verweigert sie sich. Sohn Erich ist auf ihrer Seite, fragt besorgt: "Schließt Du Dich gut ein abends?" und gibt sich beruhigt, daß der Vater nach diesen "dummen Annäherungsversuchen" doch gleich wieder "zur Vernunft" kommt. In der leidenschaftlich diskutierten Vaterschaftsfrage steht nun jedenfalls Aussage gegen Aussage.

          Im Alter wird Kästner von dem eingeholt, was er angerichtet hat, und wird zur tragischen Figur. Sein flinkes Wort läßt ihn im Stich. Seine Frauen stellen Forderungen. Luiselotte Enderle, die langjährige Gefährtin, schickt ihm Detektive nach und bereitet ihm die Hölle auf Erden, als sie 1961 erfährt, daß er mit Friedel Siebert einen dreijährigen Sohn hat. Kästner liebt seine kleine Familie, bekennt sich aber nicht zu ihr; die Frau für die Öffentlichkeit bleibt Luiselotte Enderle. Sie setzt ihm so zu, daß er zum Trinker wird, woraufhin ihn auch Friedel Siebert verläßt. Er stirbt reich und berühmt, aber intellektuell ausgebrannt, physisch ruiniert und psychisch verelendet. HERMANN KURZKE

          Sven Hanuschek: "Keiner blickt dir hinter das Gesicht". Das Leben Erich Kästners. Carl Hanser Verlag, München und Wien 1999. 493 S., geb. 49,80 DM.

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