https://www.faz.net/-gqz-6pmdd

Rezension: Sachbuch : Zu den Bonobos? Geradewegs in den Busch und dann scharf rechts

  • Aktualisiert am

Im Dschungel der Leidenschaften: Dirk Draulans plaudert über seine riskanten Abenteuer mit der starrköpfigen Affenforscherin Ellen van Krunkelsven

          Die Bonobos, grazile Vettern der Schimpansen, machen es ihren Fans nicht leicht. Denn ihre Heimat sind die Regenwälder im Süden des Kongoflusses. Diese Region gilt nicht nur als Brutstätte des Ebola-Virus und anderer tückischer Krankheitserreger. Seit langem politisch unruhig, steht sie auch in dem Ruf, daß dort allzuoft allzu hemmungslos von Waffen Gebrauch gemacht wird. Keine optimalen Voraussetzungen für erfolgreiche Freilandforschung.

          Zu den Menschen, die sich davon nicht abschrecken lassen, gehört die Biologin Ellen van Krunkelsven. Wie einst Dian Fossey, die ihr Leben den Gorillas widmete, beobachtet sie die Menschenaffen in ihrem natürlichen Lebensraum. Nach ihrem Studium an der Universität Antwerpen kommt sie 1994 zum ersten Mal in die Wälder am Lomakofluß. Gemeinsam mit erfahrenen Fachkollegen studiert sie dort die Kommunikation der Bonobos. Wenige Jahre später organisiert sie bereits eigene Forschungsreisen. Binnen kurzem gelingt es ihr, sich eine kleine Forschungsstation einzurichten und einheimische Mitarbeiter anzuheuern. Erfreulich kooperativ zeigen sich auch die Bonobos. Sie begreifen rasch, daß sie von den neuen Nachbarn nichts zu fürchten haben, und gewähren ihnen bereitwillig Einblick in ihr Alltagsleben.

          Eine junge Frau, die zu den Affen in den Urwald geht - das verspricht eine gute Story. Und die bekommt der Journalist Dirk Draulans dann auch. Daß der Ausflug in den Regenwald Unannehmlichkeiten mit sich bringt, verschweigt er nicht. Das tropische Klima macht ihm ebenso zu schaffen wie bissige Ameisen und angriffslustige Fliegen. Zur Entschädigung gibt es jedoch nicht nur Begegnungen mit Bonobos. Neben manch anderem seltsamen Vogel läßt sich auch ein Pärchen des legendären Kongopfaus bewundern. Ganz zu schweigen von der jungen Wissenschaftlerin, die da unbeirrt und zielstrebig ihre Forschung betreibt - prompt verguckt sich der Autor in sie, und sie zeigt sich nicht abgeneigt.

          So gewinnt die Geschichte eine persönliche Note und steuert auf eine Fortsetzung zu: Als sich Ellen van Krunkelsven in den Kopf setzt, auch im Salonga-Nationalpark nach Bonobos zu suchen, beschließt der Autor, sie zu begleiten, obwohl er eine solche Reise als ziemlich riskant einschätzt. In der Kolonialzeit gegründet, ist der Salonga-Nationalpark mittlerweile dafür berüchtigt, daß dort gut ausgerüstete Wildererbanden ihr Unwesen treiben. Und nach dem Sturz des Diktators Mobutu sind anscheinend auch ehemalige Soldaten in dieses Geschäft eingestiegen.

          Tatsächlich entwickelt sich die Expedition ins tiefste Innere der kongolesischen Wälder zu einem turbulenten Abenteuer, bei dem brenzlige Begegnungen mit Wilddieben nicht ausbleiben. Da im Gebiet des Salonga-Nationalparks auch den Bonobos rücksichtslos nachgestellt wird, sind sie so scheu, daß sich kein einziger blicken läßt. Doch zum Glück verstehen sich Ellen van Krunkelsven und ihre ortskundigen Begleiter aufs Spurenlesen. Verlassene Schlafnester verraten ebenso wie angekaute Pflanzenstengel, daß der heruntergekommene Nationalpark doch noch eine stattliche Zahl dieser Menschenaffen beherbergt. Andere Tiere entziehen sich nicht so hartnäckig den forschenden Blicken. Besonders fasziniert zeigt sich der Autor von der bunten Vogelwelt. Farbenprächtige Falter straft er dagegen mit Verachtung. Daß sie sich gern auf unappetitlichen Abfällen niederlassen, nimmt er ihnen übel. Doch wer sich im Regenwald mit lebenswichtigen Mineralstoffen eindecken will, darf eben nicht wählerisch sein.

          Als erfahrener Journalist weiß Dirk Draulans spannend und unterhaltsam zu erzählen. Flora und Fauna schildert er in ebenso lockerem Plauderton wie Land und Leute. Zuweilen präsentiert er freilich recht eigenwillige Interpretationen. So attestiert er den Klippdachsen, gemeint sind wohl Baumschliefer der Gattung Dendrohyrax, "daß ihre Qualitäten im Laufe der Zeit erodierten und sie in Rückstand zu anderen Tieren gerieten . . . Leider haben sie vergessen, mit der Evolution Schritt zu halten oder zumindest den richtigen Weg einzuschlagen." Bis heute erfolgreich dabei, sind sie jedoch sicher keine Versager. Mißverständlich erscheint auch die Anmerkung, "daß bei einer Population, die sich das Trinken von Milch zur Gewohnheit macht, die Häufigkeit des Gens, das für die Kodierung des Laktase-Enzyms verantwortlich ist, im Laufe weniger Generationen signifikant zunimmt". Tatsächlich produziert zunächst jeder Mensch das Enzym Laktase, so daß er als Säugling Milchzucker verwerten kann. Als Erwachsener behält allerdings nicht jeder diese Fähigkeit.

          Manchmal könnte auch die Übersetzung etwas präziser sein. Wenn Glühwürmchen als "Feuerfliegen" tituliert werden, mag das noch angehen. Doch rote Mantelaffen sind gewiß keine "Artgenossen" der Schimpansen. Und was verbirgt sich wohl hinter "auffälligen Blumen, deren Kolben mit dicken Moosbeeren gefüllt waren"? Solche Schönheitsfehler müssen das Lesevergnügen freilich nicht schmälern. Wer auf erlebnisreichen Streifzügen in eine faszinierend fremdartige Welt eintauchen will, kann durchaus auf seine Kosten kommen.

          DIEMUT KLÄRNER.

          Dirk Draulans: "Im Dschungel". Afrika, Affen und andere Leidenschaften. Aus dem Niederländischen von Annette Löffelholz, Verlag C.H. Beck, München 2001, 349 S., 1 Karte, geb., 39,80 DM.

          Weitere Themen

          Im Laboratorium der Utopien

          „Museum“ im MMK Frankfurt : Im Laboratorium der Utopien

          Das Museum, ein Ort für Narrheit, Irrtum, Podium für gesellschaftliche Diskussionen und Kämpfe um die Kunst für die Ewigkeit: In Frankfurt beschreibt das MMK die grundsätzlichen Freiheiten des Ausstellungsraums.

          Man hört sie fernhin hallen

          Soziologie des Wagnerianers : Man hört sie fernhin hallen

          „Allmacht Musik“ hätte Elfi Vomberg ihre Untersuchung über die Wagnerianer betiteln sollen. Kulturreligiöse Konzepte können die globale Begeisterung für Richard Wagner nicht erklären.

          Topmeldungen

          Auch drei Düsen könnten genügen: Airbus A380 der Fluglinie Emirates.

          Airbus : Wann darf ein A380 mit drei Turbinen fliegen?

          Ein Airbus A380 braucht zum Fliegen nicht unbedingt vier Triebwerke. Er kommt auch mit einem weniger ans Ziel. Unter bestimmten Voraussetzungen und Vorschriften.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.