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Rezension: Sachbuch : Zeit für eine Gesamtausgabe

  • Aktualisiert am

Seit dem Tod des Philosophen Hans Blumenberg im März 1996 ist sein Werk weiter gewachsen. Aus seinem Nachlaß erschienen reizvolle und bedeutende Bücher, deren Publikation der Autor offenbar schon selbst ins Auge gefaßt, für die er Texte beiseite gelegt und Titel erwogen hatte: "Goethe zum Beispiel", ...

          Seit dem Tod des Philosophen Hans Blumenberg im März 1996 ist sein Werk weiter gewachsen. Aus seinem Nachlaß erschienen reizvolle und bedeutende Bücher, deren Publikation der Autor offenbar schon selbst ins Auge gefaßt, für die er Texte beiseite gelegt und Titel erwogen hatte: "Goethe zum Beispiel", "Die Vollzähligkeit der Sterne" und "Die Verführbarkeit des Philosophen", um nur die drei gewichtigsten zu nennen. Die Frage, ob er diese Bücher in dieser Form wirklich veröffentlicht hätte, ist schwer zu beantworten. Soviel scheint sicher: Alle diese Werke hatte er irgendwann einmal zur Veröffentlichung ins Auge gefaßt. Blumenberg plante weit ausgreifend. In seiner nächtlichen Werkstatt in Altenberge war über die Jahre eine Fülle druckreifer Texte entstanden, die nur auf ein Stichwort warteten, um in kurzer Frist zu umfangreichen Büchern zusammenzuwachsen. Nur durch diese Gewohnheit, seinen gesamten Manuskriptschatz publikationsbereit zu halten, läßt sich erklären, warum bei keinem der bisher aus dem Nachlaß veröffentlichten Werke die Frage gestellt werden konnte, ob es denn ein "richtiges" Werk von Hans Blumenberg sei. Aber irgendwann mußte die Reihe der von ihrem Autor schon zu Lebzeiten dem Nachlaß einverleibten Werke einmal enden. Der Zeitpunkt scheint jetzt gekommen. Denn soeben wird nach den "neuen" Blumenbergs die erste Sammlung von Aufsätzen vorgelegt, die seit den fünfziger Jahren in Zeitschriften und Sammelbänden verstreut erschienen sind (Hans Blumenberg: "Ästhetische und metaphorologische Schriften". Auswahl und Nachwort von Anselm Haverkamp. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2001, 400 S., br., 29,90 DM). Es sind keine unbekannten Texte, einige - wie der über "Sokrates und das ,objet ambigu'" - sind zu Recht berühmt geworden und haben schon eine eigene Wirkungsgeschichte hinter sich, nicht zuletzt in dem von Blumenberg mitbegründeten und von ihm dominierten Arbeitskreis "Poetik und Hermeneutik". Hier begegnet man dem akademischen Blumenberg, der sein Projekt einer umfassenden "Metaphorologie" als Konkurrenz zu Begriffsgeschichte und Hermeneutik über viele Jahre vorangetrieben hat, ehe er sich entschloß, seine großen Werke von "Legitimität der Neuzeit" und "Arbeit am Mythos" bis zu "Höhlenausgänge" im Alleingang herauszubringen. Daneben entstanden nun auch kleinere Werke, in denen neue Formen der philosophischen Darstellung erprobt wurden ("Die Sorge geht über den Fluß", "Matthäuspassion") und die immer deutlicher die Grenze zur Literatur überschritten. Weil man als Leser kaum mit all dem Schritt halten konnte, was dieser Autor Jahr für Jahr an Überraschendem herausbrachte, geriet das akademische Werk der fünfziger und sechziger Jahre allmählich aus dem Blick. Seine akademische Rezeption konnte mit dem Interesse des allgemeinen Publikums nicht mehr Schritt halten. Das könnte sich jetzt ändern, wenn der Suhrkamp Verlag sich entschlösse, auch den frühen Blumenberg umfassend zugänglich zu machen. Ob der jetzt erschienene Band mit seiner thematischen Eingrenzung dafür das Muster abgeben kann, mag dahingestellt sein. Aber es wäre nun Zeit, weiter zu blicken und den Plan einer Gesamtausgabe zu entwerfen, in der alles Veröffentlichte und Unveröffentlichte eines Tages sein Unterkommen finden kann. Bei Autoren, die so werkbewußt produzieren wie Hans Blumenberg, empfiehlt es sich, die von ihnen selbst gezogenen Linien als Wegweiser zu nehmen. Eine Ausgabe, die mit dem 1947 erschienenen Aufsatz "Das Recht des Scheins in den menschlichen Ordnungen bei Pascal" beginnen würde, könnte die atemberaubende expansive Bewegung eines Denkens zeigen, das in allen seinen Äußerungen eine einzigartige Stilsicherheit gezeigt hat. Die Entdeckung wäre zu machen, daß ein Autor, der sich gerne okkasioneller Formen bediente, der gerne für Zeitungen schrieb, Beiläufiges nie produziert hat. Alles hatte eine Stelle in einem höchst beweglichen Gedankengeflecht, Ausfälle gab es bei ihm nicht. Dies zu bestätigen und ein großes philosophisches OEuvre sichtbar zu machen, wäre Aufgabe der so wünschenswerten Gesamtausgabe.

          HENNING RITTER

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