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Rezension: Sachbuch : Zeigefinger in der Talsperre

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"Ein dummes Mißverständnis wäre, meine Literatur als eine geschredderte aufzufassen. Das ist vollkommen daneben", sagte Thomas Kling im April 1994 in einem Gespräch mit Hans-Jürgen Balmes und Urs Engeler. Dieses Dementi ist vielleicht die literaturstrategisch wichtigste Äußerung in Klings neuem Buch "Botenstoffe" ...

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          "Ein dummes Mißverständnis wäre, meine Literatur als eine geschredderte aufzufassen. Das ist vollkommen daneben", sagte Thomas Kling im April 1994 in einem Gespräch mit Hans-Jürgen Balmes und Urs Engeler. Dieses Dementi ist vielleicht die literaturstrategisch wichtigste Äußerung in Klings neuem Buch "Botenstoffe" - nämlich die spontane Reaktion auf eine Bemerkung von Botho Strauß, wonach die "geschredderten Formen der Gegenwartslyrik" keinen Halt böten, wohl aber Rilkes Elegien.

          In der Tat ist den "Sprach-Installationen" Thomas Klings vorgeworfen worden, sie lösten die Worte in Silben und Laute auf und zerstückten jedwede dichterische Gestalt. Übersehen, vor allem überhört wurde dabei, mit welcher Sprachlust und welchem Anspielungsreichtum dieser Poet seit Anfang der achtziger Jahre seine Dialektik von Schrift und Rede betreibt. Für die "hymnische Schönheit", nach der es Botho Strauß verlangt, hätte er vermutlich nur Hohn übrig. Aber Klings obsessive Beschwörung von Sprache hat manchmal jene Faszination, die den Begriff Schönheit nicht ausschließt.

          Das entscheidende Argument gegen den Vorwurf des Schredderns aber steckt im Titel des im Vorjahr erschienenen Gedichtbandes "Fernhandel". Er zielt auf das Hereinholen der ältesten und entferntesten Traditionen in die aktuelle Poesie. Diese Tendenz teilt Kling mit Durs Grünbein und Raoul Schrott - freilich ohne die klassizistischen Neigungen des einen und die enzyklopädischen des anderen. Schrott wie Kling haben Catull übersetzt. Zum metropolitanen "street talk" des Römers ein zeitgenössisches Analogon zu schaffen ist Klings Ehrgeiz. Überhaupt hat ja die gegenwärtige Avantgarde ihre Stoßrichtung umgekehrt. Sie sucht das Neueste im Ältesten. Sie erobert Tradition.

          Die Essays und Glossen der "Botenstoffe" sind pro domo geschrieben. Sie plädieren für eine "offene Hermetik", bieten poetologische Abgrenzungen und Plädoyers, verzichten aber auf explizite Theorie und bürokratische Dogmatisierung. Die Experimentellen und Konkreten der sechziger Jahre sind ausgeblendet: Gomringer, Heißenbüttel oder Mon kommen bei Kling nicht vor. Die neuen Bezugsfiguren sind H. C. Artmann, Konrad Bayer, Friederike Mayröcker und Reinhard Priessnitz. Dazu holt Kling sich aus der Zeitentiefe als Stifterfiguren Catull und Horaz, aber auch Oswald von Wolkenstein, ja sogar die Mitglieder der barocken Sprachgesellschaften. Harsdörffers vielgeschmähter "Nürnberger Trichter" (1647) findet wegen seiner antimimetischen Tendenz vor Kling mehr als bloß Gnade. Der Poet, so zitiert er, soll sich "in solchen Erfindungen sinnreich erweisen und seine Sachen auf nicht gemeine Weise vorzutragen wissen". Womit sich Kling selbst getroffen fühlen dürfte.

          Einen neuen "Trichter" dagegen hat er nicht im Sinn, obwohl er selbst schulbildend geworden ist. Er zeigt Verständnis für die Angst des Horaz vor "fitten Nachrückern", scheint aber von vergleichbaren Befürchtungen nicht geplagt zu sein. Dennoch beklagt er im Einleitungsaufsatz "Zu den deutschsprachigen Avantgarden" das allgemeine "Avantgarde-Bashing". Doch natürlich möchte auch Kling den Kanon verändern und verzichtet nicht auf Polemik. Er nennt Enzensberger einen "Museumswärter", und er mokiert sich über Ingeborg Bachmanns "artifizielle Schneewittchenhaftigkeit". Dagegen empfiehlt er uns die tatsächlich verkannte Christine Lavant, wogegen wiederum nichts zu sagen ist. Wie auch immer. Man freut sich über eine befreiende Bemerkung wie diese: "Ich finde das richtig klasse, Dichter zu sein: Dichter müssen spekulieren."

          Überhaupt ist es die gute Laune, die für Kling einnimmt. Dabei weiß auch dieser Poet, auf welch schwankendem Boden die Poesie ihre Triumphe feiert. Er sieht sehr deutlich das Schwinden der Bildungsvoraussetzungen, das Wegbrechen jener Tradition, die er zu erobern auszog. Kling dichtet zwischen dem allgemeinen Wissensschwund und dem weißen Rauschen der Information. "Um so tragikomischer", so meint er, "kommen da Versuche rüber, mit dem Zeigefinger die geborstene Talsperre abdichten zu wollen." Wie wahr: der didaktische Zeigefinger wird es nicht leisten. Aber - das ist wohl auch Klings credo quia absurdum - vielleicht die Poesie selbst.

          HARALD HARTUNG

          Thomas Kling: "Botenstoffe". DuMont Buchverlag, Köln 2001. 250 S., geb., 36,- DM.

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