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Rezension: Sachbuch : Wünsch dir was, dann fühlst du was

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Bei Richard Wollheim herrscht Ordnung. Auf der Karte des menschlichen Geistes, wie er sie in seinem neuen, auf die Ernst-Cassirer-Vorlesungen von 1991 zurückgehenden Buch zeichnet, zieht sich ein breiter Graben durch die mentale Landschaft. Auf der einen Seite dieses Grabens wohnen die mentalen Zustände, ...

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          Bei Richard Wollheim herrscht Ordnung. Auf der Karte des menschlichen Geistes, wie er sie in seinem neuen, auf die Ernst-Cassirer-Vorlesungen von 1991 zurückgehenden Buch zeichnet, zieht sich ein breiter Graben durch die mentale Landschaft. Auf der einen Seite dieses Grabens wohnen die mentalen Zustände, die "Lebensäußerungen des Geistes": Sinneswahrnehmungen und Empfindungen zum Beispiel, Vorstellungen und Gedanken. Auf der anderen Seite leben die mentalen Dispositionen: Überzeugungen und Wünsche, Wissen und Erinnerungen, Fähigkeiten und Gewohnheiten, Ängste, Laster und Tugenden. Anders als ihre flüchtigen Nachbarn sind sie beständige Gesellen, die die Menschen über längere Strecken ihres Lebens begleiten.

          Unter den Dispositionen trifft man die Emotionen an, jene Phänomene, die die Philosophenzunft meist eher mit spitzen Fingern angefaßt hat, galten sie doch die längste Zeit als Widerpart der Vernunft. Die Zeiten haben sich geändert. Emotionen sind heute als essentielle Bestandteile der menschlichen Intelligenz akzeptiert. Was sie allerdings genau sind, zu dieser Frage fanden Forscher bei der Durchsicht der Fachliteratur schon in den achtziger Jahren mehr als hundert verschiedene Antworten.

          Die mentalen Phänomene machen den Philosophen vor allem ontologische Bauchschmerzen: Welche der Begriffe, mit denen wir alltäglich über die Vorgänge in unserem Kopf reden, bezeichnen etwas, was es wirklich gibt? Während die Realität mentaler Zustände selten in Zweifel gezogen wird, sieht es bei den Dispositionen anders aus. Könnten sie nicht einfach Muster sein, die ein Beobachter in unserem Verhalten entdeckt? Nein, meint Wollheim. Er hat sich die "Repsychologisierung" der Dispositionen und mit ihnen der Emotionen auf die Fahne geschrieben, den Nachweis, daß es sich um echte mentale Phänomene eigener Art handelt. Und damit natürlich um einen legitimen Gegenstand der Philosophie und - der Autor ist nicht nur Philosophieprofessor in Berkeley, sondern auch Psychoanalytiker - um einen der Psychologie.

          Wenn Dispositionen bloße Muster wären, fragt Wollheim, wie könnten wir von unseren eigenen Dispositionen wissen, sagen, daß unser Glaube stark oder schwach ist? Wie könnte man sie zur Erklärung der Handlungen anderer Menschen verwenden, etwa wenn man sagt, daß er aus Eifersucht, Angst oder Ehrlichkeit handelte? Auf diese Fragen haben die einschlägigen Autoren, Wollheim bezieht sich vor allem auf Gilbert Ryle, durchaus Antworten, die der Autor aber nicht weiter diskutiert.

          Interessanter wird die Realität der Dispositionen, wenn Wollheim den Charakter von Wünschen behandelt: Es sei zu intellektualistisch, anzunehmen, man könne die Gehalte von Wünschen in daß-Sätzen ausdrücken, die allezeit in konsistenten Beziehungen der Art "Wer x will und glaubt, y zu tun, sei der richtige Weg, x zu erreichen, der wird y tun, es sei denn, es kommt etwas dazwischen" stehen. Worauf ein Wunsch zielt, so eine von Wollheims schönsten Einsichten, kann auch für den Wünschenden eine Frage von Versuch und Irrtum sein. Dies wäre schwer zu verstehen, wäre ein Wunsch nur ein Handlungsmuster und kein echtes mentales Phänomen.

          Die Wünsche sind ohnehin die heimlichen Helden in Wollheims Buch. Denn die Emotionen kann man seiner Ansicht nach nur verstehen und identifizieren, wenn man zweierlei kennt: die Rolle, die sie im menschlichen Geist spielen, und ihre Entstehungsgeschichte. Die Rollen der mentalen Phänomene sind in Wollheims wohlaufgeräumter Geistesstube schnell behandelt: Die Überzeugungen liefern dem Menschen eine Karte seiner Welt. Seine Wünsche sagen ihm, wohin die Reise gehen soll. Und die Emotionen liefern ihm die Orientierung, die Einstellung zur Welt, indem sie diese bunt machen - oder auch grau, je nachdem. Die Entstehungsgeschichte der Emotionen macht dagegen den größten Teil des Werkes aus. Und in dieser spielen die Wünsche eine zentrale Rolle.

          Emotionen, betont Wollheim, entstehen nicht einfach so. Sie treten "gleichsam auf den Schultern unserer Wünsche in unser Leben"; sie entstehen, wenn Wünsche erfüllt oder enttäuscht werden. Positive Emotionen im ersten Fall, negative im zweiten. Dies ist nicht unmittelbar einleuchtend. Wenn ich Angst bekomme, weil ich in einer dunklen Gasse Schritte hinter mit höre, bekomme ich dann Angst, weil mein Wunsch, heil nach Hause zu kommen, enttäuscht zu werden droht? Oder weil mein Wunsch, mir mögen in der dunklen Gasse keine Schritte folgen, enttäuscht wurde? Die Frage stellt sich, ob Wollheim den Begriff des Wunsches hier nicht zur Unerkennbarkeit überdehnt.

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