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Rezension: Sachbuch : Wolfs verstoßene Schülerin

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Autonom und ausgegrenzt: Die Wissenschaft des Judentums

          Wer über Friedrich August Wolf (1759 bis 1824) schreibt, benutzt meist hohe Töne: brillant, genial, herausragend, faszinierend, bahnbrechend - der "Vater der deutschen Philologie" und der "Begründer der Altertumswissenschaft schlechthin" kann nicht genug gepriesen werden. Im Mittelpunkt der Hymnen stehen sehr oft Wolfs "Prolegomena ad Homerum" (Halle 1795), die wegen schwindender Lateinkenntnisse in Deutschland von Hermann Muchau 1908 ins Deutsche ("Prolegomena zu Homer") übersetzt worden sind. Auch das nun zu Wolf vorliegende Sammelwerk spricht von dessen homerischen Untersuchungen, doch das Buch setzt andere Akzente: Reinhard Markner ediert unter dem Titel "Fragmente zur Einleitung in die Enzyklopädie der Altertumswissenschaften" deutsche Texte aus dem Nachlass von Wolf sowie den Briefwechsel zwischen Christian Garve und Wolf, und er erstellt eine mustergültige Bibliographie der Arbeiten von und über Wolf. Diese drei philologischen Teile des Buches sichern der Studie einen festen Platz in allen zukünftigen Arbeiten über Wolf und die Geschichte der Altphilologie.

          Darüber hinaus verweisen zwei andere Beiträge auf Zusammenhänge, die bis jetzt in dieser Thematik noch nicht untersucht worden sind: Anthony Grafton schreibt über "Juden und Griechen bei Friedrich August Wolf", Giuseppe Veltri über "Altertumswissenschaft und Wissenschaft des Judentums". Während Grafton die Beurteilung des Judentums durch Wolf untersucht, geht Veltri den Spuren nach, die Wolf bei den jungen Wissenschaftlern der um 1823 sich etablierenden "Wissenschaft des Judentums" hinterlassen hatte. Im Mittelpunkt beider Untersuchungen steht jedoch mehr oder weniger explizit der Göttinger Gelehrte Johann Gottfried Eichhorn. Eichhorns "Einleitung ins Alte Testament" (in zweiter Auflage 1787) war nämlich Modell und Vorbild für Wolfs homerische Quellen-Scheidungen gewesen: Grafton hat das schon 1981 nachgewiesen. Eichhorn war es auch, den die beiden großen jüdischen Historiker Leopold Zunz und Isaak Markus Jost gemeinsam 1813 in Göttingen hörten ("unser vornehmster Lehrer"). Alttestamentliche Forschung, Altphilologie und Wissenschaft des Judentums waren, so scheint es, eng verzahnt.

          Auch Hölderlin versuchte 1790 eine "Parallele zwischen Salomons Sprüchwörtern und Heslods Werken und Tagen" zu ziehen. Was jedoch als eine gegenseitige Befruchtung begann, endete in Isolation. Graftons erstaunliche These lautet nämlich: Wolfs Befreiung der Altphilologie von der Vormundschaft der Theologie habe "die Unterdrückung der hebräischen Sprache und Philologie" vorausgesetzt. Grafton versucht diese Behauptung dadurch zu beweisen, dass er nachweist, wie stark der Philologe Wolf in seinen Anfängen von der alttestamentlichen Wissenschaft beeinflusst worden ist und wie ablehnend er im Alter über die orientalischen Kulturen geurteilt hat. Es gibt viele Bemerkungen von Wolf, in denen er sagt, die alten orientalischen Völker, auch die Hebräer, seien im Vergleich zu den Griechen und Römern keine "gelehrten Nationen" gewesen. "Hebräer, Ägypter, Perser etc." hätten sich nicht zu einer "Civilisation" erhoben, seien keine "cultivierten" Völker gewesen, darum gelte: "Orientalische Literatur bleibt demnach von dem Begriff von Altertums-Kunde ausgeschlossen." Solche Sätze mehren sich, je mehr Wolf eine eigenständige Altertumskunde etabliert. Grafton schließt daraus auf eine Wende in Wolfs Denken über das Judentum: "In jüngeren Jahren hätte er Eichhorns Behauptung zugestimmt, dass die Bücher Mose ein Gemälde der ,Cultur und Aufklärung' der Juden enthielten. Jetzt versicherte er seinen Studenten, nur die Griechen und Römer seien aufgeklärt gewesen."

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