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Rezension: Sachbuch : Wo ist der Fisch?

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Er ist überall dort hingegangen, wo auch Frank O. Gehry hingegangen ist / Von Wolfgang Pehnt

          4 Min.

          Der Blick ins Atelier, im kalifornischen Santa Monica, Cloverfield Boulevard, zeigt relativ geordnete Verhältnisse. Vielleicht hat Frank O. Gehrys Team auch nur für den Fotografen aufgeräumt? Vorn erkennt man ein großes Modell mit dem Guggenheim Museum in Bilbao, das sich wie ein zerstückelter Fischleib unter der Brücke, der Puente de la Salve, windet. An den Wänden des langgestreckten Büros hängen verbeulte Kartons, Serien von Fotos, ausgeschnittene Blechproben. Der Meister selbst residiert in einem abgetrennten Verschlag.

          Bei Le Corbusier sah es in der Pariser Rue de Sèvres seinerzeit ähnlich aus. Auch LC war in seiner 2,26 mal 2,26 Meter kleinen Zelle - den Maßen des von ihm erfundenen Proportionssystems Modulor! - der mühsam gebändigten Unordnung seiner Angestellten nahe. In jenen Monaten, als Le Corbusier und der Architekten-Komponist Iannis Xenakis den Philips-Pavillon für die Brüsseler Weltausstellung von 1958 entwarfen, stand im "Atelier des geduldigen Suchens" sogar eine Architekturplastik, die Gehry als Anregung gedient haben mag: das Modell dieses atemberaubenden Gebildes mit seinen verwundenen und scheinbar instabilen Flächen.

          Gehry befand sich damals am Anfang seiner Karriere. Daß sie ihn zu einem der Leitwölfe des internationalen Architektenrudels machen würde, war keineswegs abzusehen. Manche frühen Bungalows, die in der neuen Monographie veröffentlicht sind, sehen nach Richard Neutra oder Rudolph Schindler aus. Das eine oder andere Mehrfamilienhaus könnte in Sindelfingen oder Opladen stehen und ein fünfzehnstöckiges Betonhochhaus in München-Perlach. Im Gegensatz zum Image des nur von seinen Visionen besessenen Künstlers hat Gehry, Sohn jüdischer Einwanderer aus Kanada, eine ganz normale Architektenausbildung an der Universität von Kalifornien absolviert und dazu ein Semester an der Harvard Graduate School of Design. Auch seine Tätigkeit bei dem Propagandisten des nordamerikanischen Einkaufszentrums, Victor Gruen, spricht für realitätszugewandte Ausgangspositionen.

          Es war ein Einkaufszentrum, Santa Monica Place, bei dem Gehry ab 1972 seine neue Katastrophenästhetik entwickelte, vergleichbar den Zerstörungsritualen, die der Kollege James Wines zu gleicher Zeit bei den Kaufhäusern der Best-Kette einsetzte: angenagte Ecken, kollabierende Mauern, sich abschälende Wandfurniere. Bei Gehry lag die Provokation im Verzicht auf die Einheitlichkeit der Anlage und in der Zersplitterung der Traggerüste bei der zentralen Partie des Zentrums. Die Geburt der freien Form fand aus dem Geist des Kommerzialismus statt.

          Es spricht für Gehry und seine engen Verbindungen zur Künstlerszene, zu Donald Judd, Richard Serra und vor allem zu Claes Oldenburg und dessen Frau Coosje von Bruggen, daß er seine Erfindungen aus der engen Umklammerung durch merkantile Kampagnen befreien konnte. Zur Experimentierwerkstatt wurde sein eigenes Haus in Santa Monica. Den bescheidenen, rosafarbenen Altbau im Kolonialstil unterwarf er immer neuen Prozeduren des Umhüllens, Freilegens, Einschneidens und Aufschluchtens. Schließlich sah das Gebilde aus, als wäre es unmittelbar auf der erdbebenträchtigen San-Andreas-Spalte errichtet worden.

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