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Rezension: Sachbuch : Wo ist der Fisch?

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Durchdringungen, Deformationen und Stauchungen in der Architektur sind viel später, bei einer Ausstellung im New Yorker Museum of Art 1988, auf den Namen Dekonstruktivismus getauft worden. Bei Gehry machen sie nur einen Teil des Repertoires aus. Monströse biomorphe Formen, maßlos vergrößert, nisteten sich in die Bauten ein und veränderten sie: der Pferdeschädel, der Fisch, der eine private Obsession in Gehrys Biographie darstellt. Seit der Arbeit an der Konzerthalle in Los Angeles, seit 1989 also, sind bei Gehry flatternde Dachgewänder aktuell. Diese lose zugeschnittenen Kleider verbergen manchmal auch konventionelle Raumschachteln. Dem Temperament ihrer Hüllformen widersetzen sie sich offenbar noch.

Die Erzeugnisse aus Gehrys Hand - manche davon auf deutschem Boden - eignen sich für die gehobenen Strategien, für Marketing auf dem oberen Niveau. Die Städte werden zur Bühne, ihre Baustellen zu Orten der Inszenierung. Ihren Auftraggebern verschafft der Zauberer aus Santa Monica das Wohlgefühl, bisher nie gesehene Strukturen zu bewohnen. Vieles ist faktisch billig, macht aber Spaß. In Zeiten, wo jeder Begriff von Avantgarde fragwürdig geworden ist, gibt Gehry den Bauherren das angenehme Bewußtsein, trotzdem der äußersten Vorhut anzugehören. Vor allem seine Kulturbauten setzen Signale, daß es in heruntergekommenen Kommunen wie Bilbao oder Los Angeles wieder aufwärtsgeht.

In der neuen Monographie sind zwei renommierte Autoren, Kurt W. Forster und Francesco Dal Co, als Kommentatoren aufgeboten. Gebildete Historiker, die sie sind, schütten sie zum Assoziationsreich- tum, der Gehrys Werk ohnedies eigen ist, ein zusätzliches Füllhorn von Analogien und möglichen Anregungen aus. Von spätptolemäischen Votivfiguren und hochbarocken Borromini-Entwürfen reicht die Liste bis zu Kurt Schwitters' Merz-Bauten und der Ballettchoreographie Merce Cunninghams. Im einzelnen wüßte man gern, wie weit es Vergleiche auf eigene Faust oder durch Gehry autorisierte sind.

Eine kritische Auseinandersetzung über Grenzen und Angemessenheit dieser spektakulären Solistenarchitektur ist in einer solchen vom Urheber unterstützten Monographie nicht zu erwarten. Daß Gehry mit jüngsten Techniken des Computer Aided Design und des Computer Aided Manufacturing eine Schwelle überschritten hat, die bisher der Phantasie Grenzen auferlegte, wird kaum herausgearbeitet. Seit der riesigen Fischskulptur zur Olympiade in Barcelona, die mit Hilfe solcher Programme errechnet und produziert wurde, läßt sich technisch fast jede Caprice Gehryscher Vorstellungskraft in nutzbare Architektur umsetzen. Das große Halali zur Jagd nach nie gesehenen Sensationen wird geblasen.

Was physisches Gewicht und Umfang angeht, ist das Buch geeignet, jeden Leser zu erschlagen. Das gleiche gilt für den Inhalt, die schiere Opulenz und frei schweifende Beweglichkeit von Gehrys Einfällen, ihre Faszination und ihren Unterhaltungswert. Was darf die Satire? hat Kurt Tucholsky gefragt und geantwortet: alles. Was darf die Architektur? Gehrys Antwort ist dieselbe: alles.

Francesco Dal Co, Kurt Forster, Hadley Soutter Arnold: "Frank O. Gehry". Das Gesamtwerk. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998. 612 S., 1300 Farb- u. Schwarzweißabb., geb., 180,- DM.

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