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Rezension: Sachbuch : Wo der Kuss zum Kasus wird

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Die Vereinigten Staaten pflegen das Comeback der Moralistik: Die Clinton-Affäre und eine literarische Tradition der französischen Klassik

          Die geschichtliche Bedeutung von Ereignissen messen wir an den gesellschaftlichen, kulturellen oder politischen Veränderungen, welche sie, wie wir glauben, bewirkt haben. Aber können Historiker auch auf jene Situationen reagieren, die, solange sie sich entfalten, all unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen - um sich dann im Rückblick als mehr oder weniger folgenlos zu erweisen? Die Anklage und Rehabilitation des jüdischen Offiziers Dreyfus im Frankreich des Fin de Siècle war ein solcher Fall, denn der dort zur öffentlichen Erscheinung gekommene europäische Antisemitismus ging aus dieser Affäre wohl kaum geschwächt, aber auch gewiss nicht gestärkt hervor.

          Als ein postmodernes Pendant zur Dreyfus-Affaire können nun vielleicht die Verhöre und das am Ende nicht zur Absetzung des Präsidenten der Vereinigten Staaten führende Impeachment-Verfahren gelten, das ausgelöst wurde durch die "sexuellen Kontakte" (so die inzwischen verbindliche Formel) zwischen William Jefferson Clinton und Monica Lewinsky. Nicht nur die Amerikaner erinnern sich noch immer lebhaft daran, dass es während der dreizehn Monate des Clinton-Skandals fast unmöglich war, nicht die täglich laufende Berichterstattung zu verfolgen. Doch weniger als eineinhalb Jahre nach der Parlamentsabstimmung, die Clintons politische Rettung markierte, ist es heute für jedermann klar, dass dieser Skandal der Partei des Präsidenten nicht nachhaltig geschadet hat - und vielleicht nicht einmal seinem eigenen Ansehen. Daran zu denken, dass die Episode dauernde Auswirkungen auf die gesellschaftliche oder politische Struktur der Vereinigten Staaten gehabt haben könnte, wirkt mittlerweile beinahe absurd. Werden wir also - und sollen wir - den Clinton-Skandal vergessen?

          Ein anspruchsvolles Nein auf diese Frage hat vor kurzem Richard A. Posner veröffentlicht, einer der prominentesten (und in Deutschland am wenigsten bekannten) amerikanischen Intellektuellen. Posner sitzt dem obersten Berufungsgericht für die Staaten Illinois, Indiana und Wisconsin vor (er gehört mithin zu den ranghöchsten Vertretern des nationalen Rechtssystems), und er ist zugleich Lehrbeauftragter an der juristischen Fakultät der University of Chicago. Sein Einfluss auf die gebildete Leserschaft ist, was die Verkaufszahlen und die Präsenz seiner Bücher angeht, durchaus mit dem von Harold Bloom zu vergleichen. Aber anders als der Literaturwissenschaftler Bloom werden Posner oft bedeutende politische Aufgaben angetragen - so in diesem Frühjahr die Rolle des Vermittlers in den (inzwischen gescheiterten) Schlichtungsgesprächen zwischen dem Justizministerium und der Microsoft Corporation.

          Posners jüngstes Buch hat den monumentalen und wohl zugleich ironischen Titel "An Affair of State. The Investigation, Impeachment, and Trial of President Clinton", und während der Verfasser gleich einleitend feststellt, dass die Clinton-Affäre nie zu einer wirklichen politischen Krise wurde, nennt er sie "ein erbauliches politisches Drama", das zu inszenieren die Vereinigten Staaten sich nur dank der "Konstellation eines anhaltenden wirtschaftlichen Hochs und außergewöhnlicher innen- und außenpolitischer Ruhe" leisten konnten. Von einem "Drama" spricht Posner nicht nur im metaphorischen Sinn: "An Affair of State" wird eingeleitet von einer theatralisch gestalteten Liste der "Dramatis Personae", und der Autor wäre nicht ein echter Vertreter der angloamerikanischen Bildungstradition, hätte er es sich nehmen lassen, diese Gestalten denn auch immer wieder zitatenreich mit Shakespeares Charakteren in Beziehung zu setzen.

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