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Rezension: Sachbuch : Wir wollen sein ein einig Volk von Therapeuten

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In keiner Not uns hemmen und Gefahr: Wie Otto Fenichels "Rundbriefe" Freud die Treue hielten

          5 Min.

          "Niemand erwähnte auch nur die Existenz der ,Rundbriefe'", konstatierte ihr Autor, der am 2. Dezember 1897 in Wien geborene Psychoanalytiker Otto Fenichel, nüchtern, nachdem er in New York mit einer Reihe von Empfängern zusammengekommen war. Damit endete am 14. Juli 1945 ein Unternehmen, das elfeinhalb Jahre lang dem Versuch gleichkam, die Psychoanalyse als dialektisch-materialistische Naturwissenschaft auf der Arche eines Briefwechsels durch die historischen Fährnisse nach der nationalsozialistischen Machtergreifung zu steuern.

          Der so genannte "engere Kreis" der Empfänger war aus einer Diskussionsgruppe marxistisch orientierter Berliner Psychoanalytiker um Fenichel und Wilhelm Reich hervorgegangen, die im Konflikt mit der Freud'schen Orthodoxie seit 1931 "bewegungspolitische" Fragen beriet. Durch den Machtantritt Hitlers in alle Welt zerstreut, sahen sie sich zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengeschmiedet, die durch die Rundbriefe eine gefestigte Form erhalten sollte. "Die Frage Oppositionskampf oder positive wissenschaftliche Arbeit bei Ignorierung des Gegners", die sich in Berlin gestellt hatte, wollte Fenichel nie als Alternative verstanden wissen: Die Solidarität unter den zehn bis fünfzehn Empfängern der Rundbriefe gewährleistete er mit enzyklopädischem Eifer durch Referate von soziologisch und politisch interessanten Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Psychoanalyse, die mehr und mehr die Berichte aus den Ländern überwogen.

          Sie bergen viele Überraschungen: So hielt die britische Psychoanalytikerin Iseult A. Grant Duff am 7. November 1934 in London einen Fenichel zugeschickten Vortrag mit dem Titel "A Psychoanalytic Study of ,Mein Kampf'", in dem sie - ein Vierteljahrhundert bevor Elias Canetti in "Masse und Macht" "die unwiderlegbare Tatsache einer weitgehenden Koinzidenz der beiden Systeme" festgehalten hat - Adolf Hitlers Paranoia mit dem Wahnsystem von Daniel Paul Schrebers "Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken" verglich. Mag das Manuskript als umstandslose Übersetzung in psychoanalytische Termini auch "sehr mager" (Fenichel) gewesen sein, so kommt es immerhin zum Schluss: "Der Wahn diene wie bei Schreber der Selbstrechtfertigung, der Erlangung des Allmachtsgefühles in der Gottesauserwähltheit."

          Die Studie wurde schließlich nicht veröffentlicht. Sie hätte ohnehin nicht in einer offiziellen Zeitschrift der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) erscheinen können, weil ihr Vorstand unter Ernest Jones die von der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) 1935 angestrebte Eingliederung in die von Matthias Heinrich Göring geleitete Deutsche Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie nicht gefährden wollte. Der Preis dieser Selbstgleichschaltungspolitik war der Ausschluss der jüdischen DPG-Mitglieder. Doch selbst unter diesen schändlichen Voraussetzungen war die psychoanalytische Bewegung im Dritten Reich nicht zu halten. Am 19. November 1938 wurde die DPG formell aufgelöst; im Dezember 1938 teilte sie der IPV ihren Austritt mit.

          Fenichel, der stets an den organisierten Widerstand innerhalb der großen psychoanalytischen Institutionen geglaubt und Kompromisse gesucht hatte, mußte im 56. Rundbrief vom 16. April 1939 einräumen, dass Wilhelm Reich, der bald vom Mitglied zum politischen Gegner der als "bürgerlich-liberal" verspotteten Oppositionsgruppe um Fenichel geworden war, mit seiner Ablehnung der Anpassung den größeren Weitblick gezeigt hatte. Reich wurde auf dem XIII. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Luzern 1934 aus der IPV ausgeschlossen; mit Fenichels Rundbriefen liegen endlich die wichtigsten Quellen vor, die Reichs Selbstdarstellungen dieser "Affäre" ergänzen (F.A.Z. vom 4. März 1998). Edith Jacobson war im Jahr darauf gegen Fenichels Rat von Kopenhagen nach Berlin zurückgekehrt, wo sie am 24. Oktober 1935 als Mitglied der sozialdemokratischen Widerstandsgruppe "Neu-Beginnen" von der Gestapo verhaftet wurde. Bis zu ihrer mit Hilfe von Prager Freunden im Juni 1938 geglückten Flucht eröffnete Fenichel jeden Rundbrief mit teilnahmsvollen Berichten über ihr Schicksal.

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