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Rezension: Sachbuch : Wilhelm von Bode war aus anderem Holz geschnitzt

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Schon zu den Zeiten Ludwig Justis war die Berliner Museumspolitik ein weites wildes Meer / Von Henning Ritter

          5 Min.

          Der Kritiker Karl Scheffler, der die Zeitschrift "Kunst und Künstler" redigierte, veröffentlichte 1921 bei dem Verleger der Kunstavantgarde, Paul Cassirer, eine Broschüre mit dem aufreizenden Titel "Berliner Museumskrieg", einen gedankenreichen Essay über Berliner Museen, ihre Geschichte und ihre Situation nach dem Ende des Kaiserreiches und am Beginn der jungen Republik. Ein wichtiger Vorschlag Schefflers war, die im Völkerkundemuseum gesammelten Werke nicht länger nur ethnologisch zu werten, sondern künstlerisch, und die herausragenden Stücke in das Kunstmuseum zu integrieren. Dies war ein Vorgriff auf das "imaginäre Museum" von André Malraux und paßt durchaus zum gegenwärtigen Verständnis von "Weltkulturen". Ebenso vertraut klingen die Klagen Schefflers über die Megalomanie der Museumsinsel, die Wirrsal der Belegungspläne, die bürokratische Schwerfälligkeit. Zwei Jahre nach der Revolution stand alles zur Disposition, ganz ähnlich wie heute. Freilich stand damals noch das leere Schloß, in das, mit großer Selbstverständlichkeit, das Kunstgewerbemuseum einzog.

          Warum aber sprach der Kunstkritiker vom "Museumskrieg"? Er wurde um die zeitgenössische Kunst ausgefochten. Scheffler, der Kunsthandel, die Sezession und der Akademiepräsident Liebermann wollten das Museum für zeitgenössische Kunst besetzen, das Ludwig Justi, seit 1908 Direktor der Nationalgalerie, nach der Revolution im Kronprinzenpalais eingerichtet hatte. In dieser Dependance für junge Kunst zeigte Justi die französischen Impressionisten der Nationalgalerie, vor allem aber deutsche Expressionisten und neue Werke anderer Richtungen. Scheffler zog nun, mit den Interessen der während der Kaiserzeit von den Museen weitgehend ausgeschlossenen fortschrittlichen Künstler, gegen Justi zu Felde. Gemäß der von Zola geprägten Devise, Kunst sei Natur, gesehen durch ein Temperament, forderte Scheffler für den Umgang mit lebendiger Kunst Leidenschaft, die er bei Justi vermißte: "Bleibt Justi Direktor der Nationalgalerie, so macht er aus der Kultur der Republik mit Sicherheit eine Karikatur." Letzten Endes, "in seinen Instinkten", sei Justi "reaktionär".

          Dieser Angriff hinterließ bei Justi tiefe Spuren. Er verlängerte die Kunstfehde der Kaiserzeit, die 1908 mit dem Weggang von Justis Vorgänger Hugo von Tschudi nach München ihren ersten Höhepunkt erreicht hatte. Tschudi hatte, unter Umgehung der bürokratischen Bewilligungswege und vor allem Wilhelms II., mit Spendengeldern von Freunden einige französische Impressionisten gekauft und sie in einer spektakulären neuen Hängung der unvorbereiteten Öffentlichkeit in der Nationalgalerie vorgestellt. Bis zu seinem Weggang nach München war Tschudi für Jahre kaltgestellt. Als Justi, der zuvor für anderthalb Jahre Direktor des Städel gewesen war und sich dort, wie Tschudi, für die lebendige französische und deutsche Moderne eingesetzt hatte, sein Amt übernahm, war es von vornherein unmöglich, die Initiativen Tschudis aufzugreifen. Justi wich auf die deutsche Kunst der Gegenwart aus, kaufte Böcklin, Trübner, Thoma und machte aus der Nationalgalerie ein vorbildliches Museum. Der Makel der Feindschaft gegenüber der Moderne blieb.

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