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Rezension: Sachbuch : Wilde sind eben fotogener

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Als Hugo A. Bernatzik in die Ferne reiste, hat man unter Ethnologie schon dasselbe wie heute verstanden; deshalb verstand ihn keiner

          Als der österreichische Ethnologe und Fotograf Hugo Adolf Bernatzik im März 1953 starb, wurde sein Lebenswerk in einer Reihe von Nachrufen äußerst wohlwollend gewürdigt. Erst postum erfuhr damit seine wissenschaftliche Leistung die Anerkennung, die ihr in den fünfundzwanzig Jahren zuvor hartnäckig verweigert worden war. Denn wenngleich Bernatzik in den dreißiger und vierziger Jahren zu den bekanntesten Völkerkundlern des deutschen Sprachraums zählte und sich seine Bücher in ungewöhnlich hohen Auflagen verkauften, blieb sein Status innerhalb der deutschsprachigen Ethnologie zu Lebzeiten immer der einer Randfigur. "Ich musste in letzter Zeit unter Beweis stellen, dass ich auch langweilig schreiben kann, sonst lehnen meine Kollegen die wissenschaftliche Qualifikation ab", berichtete er 1938 einer Freundin.

          Die Mühe war vergeblich. Ungeachtet des hohen Ansehens, das Bernatzik beim breiten Publikum genoss, diskreditierte ihn ein großer Teil seiner deutschen Fachkollegen in loser Folge als "Sensationsethnologen" und "dubiosen Kunstphotographen", als Plagiator und Fälscher, als Pornographen und Kinderschänder, als skrupellosen Geschäftemacher, "politisch unzuverlässig" und, je nach politischer Konstellation, als "jüdisch versippt" beziehungsweise als Nazi. Schon die Spannbreite der Vorwürfe lässt ahnen, dass es im Fall Hugo Bernatzik möglicherweise um mehr ging als allein um die wissenschaftliche Qualität der Arbeiten des Österreichers.

          Als prominenter Seiteneinsteiger aus dem Reisejournalismus konnte Bernatzik von Anbeginn seiner ethnologischen Tätigkeit auf ein interessiertes Laienpublikum zählen. Gleichzeitig entbehrte er jedoch jener institutionellen Verankerung, die seinen verbeamteten Kollegen eine vom finanziellen Erfolg ihrer Bücher unabhängige Forschungs- und Publikationstätigkeit erlaubte. Seine ausgedehnten Forschungsreisen nach Afrika, Nord- und Osteuropa, Ozeanien und Südostasien musste er zu einem guten Teil über private Sponsoren finanzieren, die ihm Zelte, Boote, Objektive, Konserven und Medikamente zur Verfügung stellten, im Gegenzug dafür freilich ihre Produkte auch ins rechte Foto-Licht gerückt sehen wollten. Zeitschriften- und Vortragshonorare sowie Beteiligungen am Verkaufserlös der Bücher deckten den Rest der Kosten ab.

          Nun überrascht es kaum, dass die breite Öffentlichkeit, die mit seinen Schriften zu erreichen sich Bernatzik in der Folge gezwungen sah, den streng wissenschaftlichen völkerkundlichen Abhandlungen seiner Zeit über etwa die "Dolikochokephalie der Neger in der Semibantuzone Südsenegambiens" herzlich wenig Interesse entgegenbrachte. Jenes Publikum, zu dem die Leser von "Das kleine Frauenblatt" ebenso zählten wie die der "Berliner Illustrierten Zeitung" oder der "Quick", verlangte nach Abenteuern und Exotik. Und Hugo Bernatzik verstand es, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Dazu trug neben den bisweilen recht reißerischen Texten vor allem das in seiner Fotografie verfolgte Ideal des "unsichtbaren Objektivs" bei. Die Szenen vor der Kamera wurden so arrangiert, dass der Betrachter den Eindruck gewinnen konnte, den abgebildeten Personen sei nicht bewusst, dass sie fotografiert werden.

          Die erkenntnistheoretischen Prämissen, auf denen diese Praxis fußt, sind schon vor geraumer Zeit problematisiert worden, trotzdem fällt es auch dem heutigen Betrachter nicht leicht, sich der Faszination zu entziehen, die von den brillanten Schwarzweißfotografien ausgeht. Genau diese unmittelbare ästhetische Wirkungsmacht seiner Bilder aber brachte Bernatzik letztlich in einen Teufelskreis, den zu durchbrechen er sich zeit seines Lebens vergeblich bemühen sollte: Weil er keine gesicherte wissenschaftliche Anstellung hatte, musste er den akademischen Elfenbeinturm verlassen und für ein Massenpublikum produzieren - und weil er für ein Massenpublikum produzierte, wurde ihm die wissenschaftliche Anerkennung (und Anstellung) verwehrt. Dass unter seinen hartnäckigsten Gegnern mit Hermann Baumann und Walter Hirschberg zwei führende Vertreter der deutschsprachigen Nachkriegsethnologie vor kaum einem Mittel zurückschreckten, um Bernatziks wissenschaftliche Karriere zu behindern, verleiht der Affäre eine zusätzliche pikante Note.

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